Mit zahlreichen Fotos und Karten. Seit gut vierzig Jahren bewegt sich Hanns Zischler fast ausschließlich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder der S-Bahn durch Berlin. Kein Wunder, dass er einen ganz eigenen Blick auf die Stadt und ihre Geschichte entwickelt hat. Da ist vor allem eine Beobachtung: Zu der Stadt, die einst auf Sand und Sumpf gebaut wurde, gehört seit je eine gewisse Mischung aus Ausdehnungshunger, Größenwahn und Lust an der Selbstzerstörung. Oder wie anders soll man es bezeichnen, wenn den Plänen des Architekten Schinkel fast alle vorhandenen barocken Ensembles Unter den Linden zum Opfer fallen? Oder die Bürogemeinschaft Hitler/Speer und der Germania-Plan: Wäre der Krieg den beiden nicht zuvorgekommen, hätte in ihrem Auftrag die Abrissbirne fast genauso schlimm gewütet. Hanns Zischler entführt seine Leser in ein weniger bekanntes Berlin, wenn er seine Spaziergänge mit denen des Stadtgeografen Friedrich Leyden, der Dichterin Gertrud Kolmar und des Passfälschers Oskar Huth verschränkt und dank der Aufzeichnungen der drei Stadtwanderer ein untergegangenes Berlin aufspürt. Er macht den Geist und die Geschichte der Stadt spürbar, wenn er auf den Teufelsberg im Grunewald wandert, an dessen Erde man nur leicht graben muss, um auf Scherben, Zinkblech und Klinker zu stoßen - Reste von Berliner Mietshäusern. Wer weiß schon, dass im Inneren des Teufelsbergs ein noch viel größeres Geheimnis schlummert?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.03.2013
Eine Berliner Konstante ist Gustav Seibt bei der Lektüre von Hanns Zischlers "Berlin ist zu groß für Berlin" aufgegangen: Berlin hatte schon immer die "dümmsten Planer und die intelligentesten Essayisten". Wenigstens Zischler ist ein Paradebeispiel der letzteren Gattung, ist Seibt sich sicher. In dem bildreichen Band schildert der Autor aber nicht nur das flanierend Erkundete, sondern lässt sich von ihm zu allerlei Gedanken und Exkursen anstacheln, über die Spuren der Eiszeit ebenso wie über Berliner Kinderspiele kurz nach dem Zweiten Weltkrieg oder die "berlinische Sprachgeschichte" der jüdischen Sprachwissenschaftlerin Agathe Lasch, die 1923 als erste Frau einen Lehrstuhl für Germanistik in Hamburg erhalten hatte, bevor sie 1942 nach Riga deportiert und ermordet wurde, berichtet der Rezensent. Mit "lakonischer Beiläufigkeit" lässt Zischler immer wieder kleine, persönliche Geschichten einfließen und verstärkt sie häufig noch durch Fotografien, Briefe und andere Fundstücke, erklärt Seibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2013
Nein, das ist kein Buch mit Rezepten zur architektonischen Genesung Berlins. Andreas Kilb zumindest erwartet das auch nicht von Hanns Zischler, Schauspieler, Essayist, Übersetzer und in diesen disparaten Texten damit beschäftigt, den Stadtplanungsoffensiven eine Art Flaneur- oder Träumerperspektive entgegenzustellen; die Engel aus Wenders' "Himmel über Berlin" lassen grüßen, meint Kilb. Dass Zischler sich dafür Verbündete sucht, Gertrud Kolmar, den Fälscher Oskar Huth z. B., gefällt Kilb ebenso wie dessen unsystematischer, assoziativer Ansatz und die erwanderten handfesten Urteile des Autors zu missglückten Grünflächenanlagen und anderen Psychoarchitekturen der Stadt.
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