Die Entnazifizierung neu erzählt - ein genauer Blick auf die individuelle Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer NS-Vergangenheit.Über die Entnazifizierung scheint das Urteil längst gesprochen: In Öffentlichkeit und Forschung gilt sie als missglückter Versuch einer frühen Vergangenheitsbewältigung, der vor allem an Täuschung und Vertuschung durch die betroffenen Deutschen scheiterte. Hanne Leßau zeigt, warum diese Einschätzung zu kurz greift. Gestützt auf Tagebücher, Notizzettel, Briefe und Zeitungsartikel sowie auf die Verfahrensakten macht sie eindrücklich sichtbar, dass die politische Überprüfung eine intensivere und ernsthaftere Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit im Nationalsozialismus anstieß, als wir heute vermuten. Ihr genauer Blick auf das Agieren der Deutschen in den komplexen Prüfbürokratien legt frei, dass viele versuchten ohne Schaden durch die Entnazifizierung zu kommen. Dabei entwickelten die zu Prüfenden neue Deutungen der eigenen NS-Vergangenheit, die für sie selbst ebenso glaubhaft sein mussten wie für andere.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.10.2020
Als eine sehr sinnvolle Arbeit, die zudem eine Lücke in der Forschung zur Entnazifizierung schließt, beurteilt Knud von Harbou dieses Buch. Ausgewertet wurde umfangreiches Aktenmaterial, das der Autorin erlaubte, die Geschichte zu rekonstruieren, die sich die Deutschen an Hand des berühmten Fragebogens der Alliierten nach dem Ende der NS-Zeit über sich selbst erzählten. Alle Varianten des Herausredens werden sichtbar, schreibt der Kritiker. Einzig die psychische Dimension der so zustande gekommenen Selbstinterpretation bleibe in dieser Publikation, die er eine "beeindruckende Studie" nennt, leider etwas auf der Strecke.
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