Der goldene Faden

Claassen Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783546101745
Gebunden, 176 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Die Nobelpreisträgerin setzt sich der Gegenwart der Geister menschlicher Gewalt aus, um etwas jenseits dieser Gewalt zu finden: etwas Sanftes, Helles, das uns miteinander verbindet. In einem Gedicht, das sie als junges Mädchen schrieb und viele Jahre später in einem Schuhkarton wiederfand, stellt sie sich diese Verbindung als einen "goldenen Faden" vor. Dieser Faden, schreibt sie, ist nichts anderes als die Literatur selbst: eine Sprache, die unsere separaten Innenwelten ergründen und miteinander zu verknüpfen vermag. Die Texte dieses Bandes, darunter ihre Nobelpreisrede, vertiefen und erhellen diesen Gedanken. Sie münden in Tagebucheinträge über ihren kleinen, nach Norden weisenden Garten in Seoul, in dem sie Spiegel aufgestellt hat: Während die Erde sich um ihre eigene Achse dreht, richtet sie die Spiegel Stunde um Stunde neu aus, um den Garten mit Licht und damit Leben zu versorgen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.10.2026
Grundgedanken einer Poetologie, eine "Handvoll Gedichte" und das knappe Tagebuch einer Gärtnerin - daraus besteht Han Kangs neues Buch, erklärt der hier rezensierende Schriftsteller Jan Koneffke. Es ist ein schmaler Band, lesen wir, "luftig" schon allein in seiner Aufmachung, "luftig" aber auch gewisserweise im Inhalt, wahrscheinlich nichts für Kang-Neulinge, vermutet Koneffke. Wer allerdings wie er mit dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin vertraut ist, wer ihre Romane kennt, der wird vielleicht auch ihren Gedanken zum "goldenen Faden" ihrer Literatur etwas abgewinnen können. Komplexe Konstruktionen sind Han Kangs Romane, schwierige Antworten auf vermeintlich einfache Fragen, lesen wir. In "Der goldene Faden" arbeitet Kang diese Fragen heraus und erweckt dabei zunächst den Eindruck der Naivität, stellt Koneffke bei der Lektüre fest. Dass diese Naivität Programm ist, ja, welche "spezifische Intelligenz" darin steckt, erweist sich bei genauem Hinschauen und etwa in der Lektüre ihres Gartentagebuchs. Selbst diesen simplen Einträgen geht jenes verwunderte Fragen voraus, das stets den Ausgangspunkt ihres Schreibens bildet, die naive Neugier und der Wunsch nach Anteilnahme durch die Literatur. Dieser Wunsch, die Empathie, die Nächstenliebe, das ist der goldene Faden, über den Kang eingangs nachdenkt, so der versonnene Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2026
Rezensentin Janka Zündorf ist offensichtlich ein bisschen enttäuscht von diesem schmalen Band der Literaturnobelpreisträgerin Han Kang. Das von ihr mit Spannung erwartete Buch hat nicht nur viele weiße Seiten, die enthaltenen Essays, Gedichte und Fotos über Kindheit und Alltag der Autorin erscheinen Zündorf auch bisweilen pathetisch und erzählerisch eher vage. Poetisches sucht Zündorf weitgehend vergebens. Einzig das Gartentagebuch im Band, in dem die Autorin über die Pflege von Hortensien und Lichtreflexe schreibt, hat wieder die Präzision und Sinnlichkeit, die Zündorf aus früheren Arbeiten Kangs kennt und schätzt, und vermittelt "seelische Ruhe". Den großen Rest im Band verbucht Zündorf unter "poetische Restbestände".
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.08.2026
Rezensent Ulrich Rüdenauer bewundert Han Kang für ihre Romane, die sich stets existenziellen Fragen um Menschlichkeit und Gewalt widmen, nun kann er in einem neuen Band nachlesen, wie sie selbst über ihr Schreiben denkt. Der erste Teil des Buches umfasst verschiedene Texte, die im Zusammenhang mit ihrem Nobelpreis entstanden sind: Sie erzählt davon, wie sie als Kind Gedichte geschrieben hat und seitdem Fragen über das Verhältnis von individuellen Schicksalen zum großen Ganzen immer gegenwärtig waren. Etwas schlicht muten ihre poetologischen Erkenntnisse schon an, findet Rüdenauer, aber genau diese Schlichtheit ist eben typisch für Kang, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Das zeigt, neben einigen Gedichten im Mittelteil, auch der letzte Teil des Buches, in dem sie von ihrem Garten erzählt: Der liegt leider auf der Nordseite ihres Hauses, mithilfe von Spiegeln versucht sie, Sonnenlicht auf ihre Schneeballhortensien und Funkien zu bekommen - ziemlich Zen, wie der Kritiker findet. In diesen Zeilen verhandelt die Autorin die Frage, wie wir als Menschen unseren Platz in der Natur finden - und vielleicht richtet sie mit dem Spiegel nicht nur Sonne auf die Pflanzen, sondern mit ihrem Schreiben auch unseren Blick auf das Wesentliche, schließt er.