2004 jährt sich zum 70. Mal der Tod des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß. Der Errichter des "autoritären Ständestaates" erregt noch immer die Gemüter. Der von den Nazis ermordete Kanzler ist den einen Märtyrer, der für die Freiheit Österreichs sein Leben ließ. Den anderen ist er ein Täter, der im Bürgerkrieg des Februar 1934 auf Arbeiter schießen und einige hängen ließ. Vorliegende Biografie wirft ein neues Licht auf seine Persönlichkeit und sein Wirken: Dollfuß war kein Politiker, sondern verstand sich als Glaubenskämpfer. Er sah seine Mission darin, den katholischen Glauben gegen den "Antichrist" zu verteidigen - für ihn sowohl Marxismus als auch Nationalsozialismus. Er wollte einen christlichen Staat errichten und beseitigte dafür Parteien, Demokratie und Freiheit der Meinungsäußerung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.07.2004
Rezensent Gottfried-Karl Kindermann ist sehr angetan von dieser Biografie über Engelbert Dollfuß. Er würdigt, dass die Autorin Gudula Walterskirchen "nuancenreich und sorgfältig" vorgehe und ein lebendiges Lebensbild von Dollfuß zeichne. Gerade für deutsche Leser eröffnet sich hier laut Kindermann die Möglichkeit, "eine Fülle hierzulande fast unbekannter Tatsachen" über Österreich zur Zeit des dritten Reichs zu erfahren. Denn der 1932 gewählte und 1934 von der SS erschossene österreichische Bundeskanzler Dollfuß war - so Rezensent Kindermann - der "Hauptarchitekt des Staatswiderstandes" gegen den Nationalsozialismus. Sehr detailreich erläutert uns Kindermann im folgenden die historische Situation. Seit 1933 von Hitlers "Generalangriff auf Österreich" in Form von Terroranschlägen und Wirtschaftsboykott bedroht, entschloss sich Kanzler Dollfuß zum harten Gegenkurs. So gelang es ihm durch Maßnahmen wie einem durch "Totalverbot" der NSDAP, Österreich kurzfristig zur "führenden Quelle deutschsprachiger Kritik am Nationalsozialismus" zu machen. Im Juli 1934, bei einem von der NSDAP initiierten Aufstand, wurde Dollfuß von SS-Leuten erschossen. Der Aufstand konnte allerdings niedergeschlagen werden, Hitler erlitt seine "einzige außenpolitische Niederlage" und Dollfuß galt fortan als "Märtyrer" des unabhängigen Österreichs. Rezensent Kindermann betont, dass Dollfuß jedoch auch eine stark umstrittene Figur sei, bedingt zum Beispiel durch sein damals erlassenes Verbot der sozialdemokratischen Partei. Solche "historischen Komplexitäten" lassen sich - dem Rezensenten Kindermann zufolge - gut in dieser Biographie nachvollziehen.
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