Giorgio Agamben

Kindheit und Geschichte

Zerstörung der Erfahrung und Ursprung der Geschichte
Cover: Kindheit und Geschichte
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518223796
Gebunden, 210 Seiten, 13,80 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Davide Giuriato. Ist der moderne Mensch noch zur Erfahrung fähig? Der titelgebende Essay geht von dieser Frage aus und gibt den thematischen Rahmen der Sammlung vor, der mit Motiven gefüllt wird, die, vordergründig gesehen, heterogener nicht sein könnten: die in unserer Kultur untergründige Komplizenschaft von Rationalität und Irrationalität; die Abspaltung der Begierde vom Mangel und das Auftauchen des Unbewußten; die Verlagerung des Abenteuerlichen vom Alltäglichen ins Außerordentliche; die Geburt des Ich und der Anspruch der modernen Dichtung auf das Unerfahrbare. Zusammengeführt werden all diese Motive in einer Theorie der Kindheit: Zentrale Themen des zeitgenössischen Denkens - wie etwa die anthropologische Opposition von Natur und Kultur und die linguistische Opposition von langue und parole - erfahren hier eine neue Verortung, und zwar aus einer Perspektive, in der der Mensch der metaphysischen Tradition nicht mehr als "das mit Sprache begabte Tier", sondern als dasjenige Tier erscheint, das keine Sprache hat und sie deshalb von außen empfangen muß.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.02.2005

Durchwachsen findet Thomas Macho diesen Band mit Studien Giorgio Agambens über "Kindheit und Geschichte" von 1978, die nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen. Im Zentrum sieht er die Kindheit als philosophisch zentrale Kategorie, die Agamben mit den Begriffen der Erfahrung, des Spiels und der Geschichte verschränke. Macho fühlt sich bei den "durchaus heterogenen" Studien "deutlich" an Walter Benjamins Werk und Arbeitsstil erinnert. Die einzelnen Titel der Essays wirken auf ihn "leichtfüßiger" als ihre Themen und Inhalte. Insgesamt kommt er nicht umhin, klarzustellen, dass Agambens Studien über die Zerstörung von Erfahrung, über Spiel und Ritual und über den Begriff der Zeit und der Geschichte "heterogene Fragmente" bleiben. Gelegentlich findet er diese "brillant und außerordentlich anregend", mitunter aber auch "enttäuschend, erfüllt vom platten Pathos der Kulturkritik." Entschädigt werde der Lesende durch das Gefühl, in eine Art Werkstatt der Spekulation eingeladen worden zu sein.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2004

Für Manfred Geier klingen diese Aufsätze und Essays des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, die im Original bereits 1978 erschienen sind, "wie aus einer fremd gewordenen Epoche" und er fragt sich, warum wohl die deutsche Übersetzung so lange gebraucht hat. Der Rezensent ist überzeugt davon, dass diese frühen Texte, deren Reflexionen über Spielzeug, vorsprachliche Erfahrungen und die menschliche Infantilität kreisen, nicht veröffentlicht worden wären, wenn sich Agamben nicht 2002 mit dem "große Aufmerksamkeit erregenden" Werk zur politischen Philosophie "Homo sacer" hervorgetan hätte, wobei der Rezensent keine Wertung an diese Beurteilung knüpft. Die Aufsätze zu "Kindheit und Geschichte" beschäftigen sich unter anderem mit der "Differenz zwischen körperlicher Stimme und gesellschaftlicher Sprache" und untersuchen, in wie weit sich in der "phonologisch, semantisch und syntaktisch strukturierten Sprache noch Reste" eines ursprünglich "Natürlichen" erhalten haben, erklärt Geier. Er lässt sich in der Besprechung des Bandes auf keinerlei Werturteile ein und stellt nur sachlich fest, dass Agamben die Kindheit" als ein Sprachexperiment in "seiner eigenen Schreibweise nachzuvollziehen versuchte".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

"Die Klage über die Zeit ist zeitlos", bemerkt der Rezensent Thomas Assheuer, doch für Giorgio Agamben existiere "ein spezifisch modernes Leiden an der Zeit", das sich im Abhandenkommen von Erfahrung äußere. Da Agamben seine Zeitkritik jedoch nicht in zusammenhängender Form, sondern in mehreren Aufsätzen formuliert, hat der Rezensent merkliche Mühe, Agambens gedanklichen "Ariadnefaden" zu finden und ihm zu folgen. Seine Besprechung liest sich daher auch eher wie eine Hypothese: Agamben diagnostiziere einen Mangel an Erfahrung, oder besser gesagt, den Mangel an der besonderen Qualität von Erfahrung, die er "Kindheit" nennt. Diese, so Assheuer, bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Sprache, Stimme und Rede: "namenlos und doch auf Sprache angewiesen". Daraus formuliere Agamben eine ethische Forderung: Nur in der Rückbesinnung auf diese besondere, kindliche Qualität der Erfahrung könne die Sprache und mit ihr die ethische Erfahrung regeneriert werden. In der Tat hängen Sprache und Ethik dergestalt zusammen, dass die "Selbstbezüglichkeit" der Sprache selbige zum einzigen "menschlichen Experiment" macht, in dem der Mensch sich selbst "aufs Spiel setzt" und erfindet, so Assheuer weiter. Dies ist das gedankliche Fundament, meint er abschließend, aus dem heraus Agamben seine gesamte Kritik an der "westlichen Gegenwart" entwickele, die sich gegen die kindliche Erfahrung "verpanzert".
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