Mit einem Nachwort von Florian Radvan. Als der Roman "Die Stalinorgel" 1955 erschien, wurde er zu einem großen internationalen Erfolg. Es war das Debüt von Gert Ledig (1921?1999). Ein paar Jahrzehnte später ist ein Unbekannter neu zu entdecken und mit ihm sein vergessenes Werk. "Die Stalinorgel" schildert den verlustreichen Kampf um eine Anhöhe bei Leningrad ? aus deutscher und aus russischer Sicht ? mit einem Sarkasmus, der nie zum Selbstzweck wird, stets der Aufgabe untergeordnet bleibt, das grauenhafte Geschehen und die Verzweiflung der Kämpfenden zu konturieren, greifbar zu machen. Ledig kannte das Inferno um Leningrad aus eigener Erfahrung. Verwundet schickte man ihn 1942 zurück in die Heimat, wo er bald darauf den Schrecken des Luftkriegs begegnete. (Davon berichtet "Vergeltung", Ledigs zweiter Roman aus dem Jahr 1956, der im vergangenen Herbst wiederveröffentlicht wurde.)
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.11.2000
Wilfried F. Schoeller ist beeindruckt von diesem Roman, der zwei Tage des Krieges in der Nähe von Leningrad 1942 schildert. Das 1955 verfasste Buch, das erst jetzt "wiederentdeckt" wurde, zeige, dass es durchaus eine Durchbrechung des den Krieg betreffenden "Darstellungstabus" gab, so der Rezensent, der darin eine befreiende Gegenposition zu Ernst Jüngers "ästhetisierender Landserprosa" ausmacht. Schon die Exposition des Romans preist er als "unerhört", wie er überhaupt von der Radikalität des Textes, der "nicht moralisiert" und weder Rechtfertigung noch Sinn anbietet, überwältigt ist. Indem der Autor in seiner Schilderung der Schlacht an der Ostfront eine "geradezu penetrante körperliche Direktheit" aufweise, werde der Roman zu einer "befreienden Provokation", die Gewalt, unabhängig von den einzelnen Kriegsparteien, als "anthropologische Konstante" ins Bild setze. Der Rezensent vermutet, dass die gewalttätige Bilderwelt des Romans heute "leichter zu entziffern" ist, als zu seiner Entstehungszeit und sieht in ihm eine wohltuende "Widerstandskraft" gegen die "ritualisierte Vergangenheitsbewältigung", die all zu oft in "Simulationen" mündete.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000
Dies ist ein Buch, so Sibylle Kramer, "jäh abbrechender Lebensläufe und widernatürlicher Todesarten". In den fünfziger Jahren erschienen und bald in Vergessenheit geraten ist es jetzt neu aufgelegt und von Volker Hage und Florian Radvan mit Nachworten versehen worden, die Auskunft geben über den Autor und sein Werk. Cramer arbeitet in ihrer Besprechung heraus, wie Ledig in seiner "Beschränkung auf das knapp Faktische, der elliptischen Aufstauchung von Unerzähltem" das Kriegs- und Fronterleben einiger Männer, Russen und Deutscher, in aller Nacktheit des Rückfalls "auf archaische Stufen des Lebenskampfes" darlegt. Als "Thema" des Buches, das den mittleren Teil einer Trilogie darstellt (zwischen "Vergeltung" und "Faustrecht"), macht die Rezensentin den "Zeitsturz" fest, der sich ergibt aus dem Leben, das von seinem unmittelbar zu erwartenden Ende her erzählt und gelebt wird.
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