"Bub, geh bloß nie zur Zeitung!", beschwört ihn die Großmutter, denn Zeitungen sind für sie des Teufels. Doch das Kind, das der Erzähler einmal war, verfällt dem Zaubermedium. In allen Umbrüchen der Zeiten und der Zeilen: von der kleinen "Stadtpost" über die "Landeszeitung", wo die Rezension als Hochamt gegen alle Anfechtungen des Zeitgeists zelebriert wird, bis hin zur "Staatszeitung", wo die Mauern fallen, die Dämme brechen. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier weiß Bescheid, was im Inneren von Redaktionen passiert. Sein erster Roman, eine Art literarische Autobiografie, ist eine Liebeserklärung an das, was Zeitung war und sein sollte.
Rezensentin Shirin Sojitrawalla erlebt den einstigen Großkritiker Gerhard Stadelmaier als Romanautor, oder doch beinahe. Denn Stadelmaier, meint Sojitrawalla, bleibt eben Stadelmaier. Die Urteilswucht des Autors im verklärenden Rückblick auf die gute alte Zeitungs- und Theaterzeit trifft Schirrmacher und andere, auch wenn sie nicht namentlich vorkommen, so Sojitrawalla. Darüber und über das retrospektive Lecken von Wunden hinaus bietet der Roman jedoch wenig, findet Sojitrawalla: Anekdoten und komische Szenen, die mitunter doch recht bieder daherkommen, wie Sojitrawalla kritisiert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.10.2016
Der "Formulierungsvirtuose" Gerhard Stadelmaier hat einen Roman über seine Zeit als leitender Theaterkritiker in Stuttgart und Frankfurt geschrieben und damit eine Periode eingekapselt - der Roman endet 1993 mit dem Buchmesseempfang der FAZ -, die man als beginnenden Niedergang des Feuilletons begreifen kann, erklärt Rezensent Christoph Bartmann: Zumindest hängt der seit 2015 pensionierte Großkritiker sichtlich den Zeiten nach, als im Feuilleton noch die Kultur-Kultur das Sagen hatte und hehre Rezensionen noch nicht von politischen Beiträgen oder postmodernem Firlefanz in die Randspalte oder gar auf den nächsten Tag geschoben wurden, so Bartmann. Das einstige Personal - der Kritiker bezeugt viele Zigarren und literweise getrunkenen Schnaps - mag sich wiedererkennen, für Außenstehende ist es jedoch hinreichend verklausuliert, so wie auch Stadelmaier selbst nur als "der junge Mann" auftrete und die FAZ als "Staatszeitung" firmiere. Die Lektüre lohnt sich nach Bekunden des Rezensenten wegen der "satirischen und liebevollen Schilderung einer wohl längst untergegangenen Geisteswelt".
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