Mit einem Beitrag von Hermann L. Gremliza. Es war einmal, um das Jahr 1968 herum, eine Republik, deren Jugend gegen die Springerpresse aufbegehrte. Aus den historischen Gefechten ist das Konzernhaus siegreich und sogar gestärkt hervorgegangen: In der "Bild"-Zeitung, Springers ordinärstem Bumskontaktblatt, haben nach dem Niedergang der Apo nicht nur "Telefonsexschlampen" und "Titelmiezen", sondern auch grüne Minister und ehedem linksgestrickte Ex-Juso-Chefs ihre Reize dargeboten. Sogar im Vatikan geht der Chefredakteur der europaweit meistgelesenen Fickgeschichtenzeitung mittlerweile ein und aus, und im Zölibat lebende Bischöfe geben sich, um an der Macht von "Bild" schmarotzen zu dürfen, zu Interviews her, die neben Puff-Annoncen erscheinen. "Bild" regiert. Daran wird auch dieses Buch nichts ändern. Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Denkmal für die Nachgeborenen, die erschaudernd zur Kenntnis nehmen werden, wie entsetzlich dreckig es in der Mediengosse des frühen 21. Jahrhunderts zugegangen ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.10.2006
Ganz auf einer Linie ist Heribert Seifert mit Gerhard Henschel, wenn der in "altmodischem Zorn" die Bild-Zeitung und ihre Praktiken verurteilt. In letzter Zeit sei das Boulevardblatt ja hoffähig geworden, bedauern Rezensent und Autor, aber selbst wer die Kritik an der Bild für veraltet hält, wird dem Buch laut Seifert einiges abgewinnen können. Denn hier werde nicht nur in komprimierter From das Funktionsprinzip der Boulveradpresse erläutert, sondern auch deren Kampagnenstil und Themenverwertungsketten veranschaulicht. "Furios" findet der Rezensent zudem den Gastbeitrag von Hermann L. Gremliza zu Ernst August von Hannover.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.09.2006
Was Harry Nutt an Gerhard Henschels "flammender Suada" gegen die Bild-Zeitung besonders imponiert, ist die fehlende Zerknirschtheit. Leicht hätte man bei so viel angestautem Ingrimm nämlich in "selbstzerstörerische Besessenheit" abgleiten können. Aber keine Spur davon. In dieser Weiterführung seines Merkur-Essays regieren "gekonnter Witz" und "sprachliche Souveränität", so weit das erfreute Auge des Rezensenten reicht. Dabei sei es durchaus "heiliger Ernst" und echtes Entsetzen, die den Autor zu seinem Einwurf gegen das in letzter Zeit von der Kulturkritk milde behandelte Boulevardblatt antreiben. Fundamentalistisch wird es aber eben zur Freude Nutts nicht.
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