Andreas Neumeister

Angela Davis löscht ihre Website

Listen, Refrains, Abbildungen
Cover: Angela Davis löscht ihre Website
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518123102
Taschenbuch, 127 Seiten, 8,00 EUR

Klappentext

In "Angela Davis löscht ihre Website" verbinden sich politisches Denken und Pop, der forcierte Blick auf die Gegenwarts-Oberfläche und dessen ständige Infragestellung vor dem Hintergrund der Historie auf. "Vortäuschung falscher Tatsachen", so die Frage, "oder Vortäuschung richtiger Tatsachen?" Schwer zu durchschauen - gerade angesichts von Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzung und ihren jeweiligen Rechtfertigungen -, was Realität ist, was Medienrealität, was auslösende Gewalt, was angeblich gerechte "Vergeltung der Vergeltung der Vergeltung".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.04.2003

Andreas Neumeisters Pop-Collage "Angela Davis löscht ihre Website" kreist für Rezensent Frank Schäfer vor allem um eine Frage: "Wenn Realität nur medial vermittelt existiert, als bloße Abbildung", formuliert Schäfer, "wie ist dann zu entscheiden, ob das, was da vermittelt wird, ursprünglich Realität oder Fiktion, also wahr oder falsch war?" Neumeisters Antwort: gar nicht. Unter den Bedingungen einer virtualisierten Welt sei es nämlich egal, ob etwas ursprünglich fiktiv oder real gewesen sei, denn mediatisiert sei es jetzt ja ohnehin. Neumeisters Konsequenz daraus charakterisiert Schäfer als "radikale Skepsis", das Denken und Schreiben in Gegensätzen und Widersprüchen, eine aus der Erkenntnisnot geborene Indifferenz dem Wort- und Weltmaterial gegenüber, die eigentlich nur noch die Collage als Form zulasse. Theoretisch findet Schäfer das ja schön und gut. Begeistert hat ihn die Lektüre jedoch nicht. "Neumeisters Avantgardekonzept ist planvoll und konsequent durchgeschrieben", resümiert der Rezensent, "aber so richtig satt will man von diesem Sprachmüsli nicht werden."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.02.2003

"Geloopter deutscher Idealismus, aber ziemlich flott, sozusagen eine Rolf-Dieter-Brinkmann-Fassung von Hegel und Adorno." Auf diesen, vielleicht nicht ganz unmittelbar einleuchtenden Nenner bringt Rezensent Martin Zeyn die Texte von Andreas Neumeister. Wie Zeyn ausführt, handelt es sich dabei um Reflexionen, die meist um das Thema Medien, genauer: das Thema Internet kreisen, und in der grafischen Gestalt von Gedichten daherkommen. Die Aufzählung gehört zu den genuinen Stilmitteln Neumeisters, hält Zeyn fest, es finden sich Listen von Feuerwaffen, halbseidenen Mediengrößen, Fernsehsendern. Neben strengen Reihungen gebe es fiese Pointen und deftige Formulierungen. Zeyn hebt hervor, dass Neumeister die Langeweile der Internet-Interaktion entlarve und zugleich einen Raum eröffne, den die Medientheorie kaum noch erzeuge: den der Neugier. "Seine Medienmiszellen sind streng und verspielt, original und täuschend echt falsch", resümiert der Rezensent, "konkrete Poplyrik".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.01.2003

"Neumeister schreibt mit, was gesendet wird. Literatur online", erklärt Hubert Winkels in seiner Kritik. Im Ergebnis sind das Listen, Refrains und Abbildungen, wie es ja auch der Untertitel des Buchs verspricht. Für Winkels ist das durchaus Prosa: Die Listen - etwa von Aufzählungen amerikanischer Handfeuerwaffen auf einer Internetseite - würden poetisiert durch "Variationen und Modulationen". Abbildungen finden sich nur in Form von Abbildungsangaben - das Bild fehlt. "Und wir ergänzen es spontan aus unserem visuellen Durchschnittsarchiv. So lernen wir, wie wir von Visiotypen leben", erklärt Winkels. Am Ende jedoch kommt er zu dem Schluss, dass die Zeit der "seriell überprofilierten Text-Maschen-Maschine" vorbei ist und verlangt dringend nach etwas Neuem.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Der Perlentaucher hat unzweifelhaft Einzug gehalten in die Kritikerwelt. Als eine Art "negativer 'Perlentaucher'" bezeichnet Christopher Schmidt Neumeisters Tauchgänge in die Unterwelt der Fernsehkanäle und Kulturabfälle, in der er als selbsternannter Medienbeauftragter herumstöbert und unsinnige Schaum- und Sprechblasen zu Tage befördert. Allerdings unkommentiert und eins neben das andere gestellt, was Schmidt gelegentlich stört. Einzelne Aussagen würden damit zu Sentenzen geadelt, "die Endlosschleife der Selbstreferenz" angetrieben. Neumeisters Spielereien vertreten eine gute Sache, meint Schmidt, nämlich das alte emanzipatorische Ziel, aufzuzeigen, dass die "Grenzen der Sprache auch die Grenzen der Welt seien". Fehlschluss, meint Schmidt: Der Mensch ist mehr "als das Produkt seines Kabelanschlusses".
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