Hundert Wörter für Schnee
Roman

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025
ISBN
9783552075436
Gebunden, 528 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Franzobel erzählt in "Hundert Wörter für Schnee" die abenteuerliche Geschichte der Eroberung des Nordpols. Im Herbst 1897 bringt der US-amerikanische Entdecker und Abenteurer Robert Peary sechs Inughuit, so der Name der im Norden Grönlands lebenden Menschen, auf einem Dampfschiff nach New York. Untersucht sollen sie werden, vor allem aber ausgestellt und hergezeigt. Vier von ihnen sterben schnell an Tuberkulose, einer wird zurückgebracht - der neunjährige Minik aber bleibt. Seine Geschichte - Taufe, Schule, betrügerischer Pflegevater, Flucht - sorgt für Schlagzeilen. In Franzobels Roman wird Minik nicht nur zum Spielball zwischen der zivilisierten amerikanischen Kultur und der angeblich primitiven eines Naturvolkes. Sein Schicksal ist ein Heldenlied auf den Überlebenskampf eines beinahe ausgestorbenen Volkes, das bewiesen hat, wie der Mensch selbst in der unwirtlichsten Gegend überleben kann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.04.2025
Rezensent Stefan Michalzik annonciert einen "großen" Roman mit winzigen Einschränkungen: Schon der Beginn der Geschichte, der mit den gegenseitigen Betrugsbezichtigungen der amerikanischen Forscher Robert Peary und Frederick Cook einsetzt, die beide für sich beanspruchten, den Nordpol erstmals bereist zu haben, liest sich laut Kritiker wie ein veritabler Abenteuerroman. Vor allem aber ist es das Schicksal des Inughuit-Jungen Minik, das Michalzik in den Bann zieht: Den bringt Peary zwecks Zurschaustellung im Museum mit nach New York, wo dieser über wie Monster wirkende Straßenbahnen oder weiße Kulte wie Engel oder das Christkind staunt. Den Reiz des Romans macht für den Rezensenten dabei insbesondere aus, dass sich Franzobel dem Thema Kolonialismus ganz ohne Aktivismus nähert: Dessen Brutalität setzt er etwa die "grausamen Opferriten" der Inughuit entgegen, glorifiziert wird bei Franzobel nichts, atmet Michalzik auf. Dass der Roman zudem stilistisch brillant, in einem Mix aus Realismus und "Süffisanz" verfasst ist, lässt den Rezensenten über wenige "harmlose" Szenen hinwegsehen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025
Rezensent Andreas Lesti bespricht Franzobels Roman über die gescheiterten Nordpolsucher Robert Edwin Peary und Frederick Albert Cook freundlich. Entlang des Buchs stellt Lesti die beiden als ziemliche Spinner dar, Peary hatte einen Hang zur Selbstinszenierung, Cook erzählte gerne Lügengeschichten, unter anderem die, dass er den Nordpol erreicht habe. Ans Ziel sind aber, fährt Lestis Zusammenfassung fort, beide nicht gelangt auf ihren diversen, von Alaska aus nach Norden strebenden Expeditionen Endes des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, es war da oben schlicht zu kalt. Gut gefällt dem Rezensent, dass neben den beiden amerikanischen Abenteurern auch ein einheimischer Inughuit namens Minik als eine dritte Hauptfigur vorkommt, der wird von Peary in die USA verschleppt und da im Museum als Attraktion ausgestellt. Insgesamt beschreibt Lesti das Buch als einen vielschichtigen Roman, in dem vor allem die amerikanischen Abenteurer schlecht wegkommen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 20.03.2025
Franzobel erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte der Forscher und Rivalen Robert Peary und Frederick Cook, die beide immer wieder versuchten, als erste den Nordpol zu erreichen und beide scheiterten, erzählt Rezensent Oliver Jungen. Und darin sind die beiden ihrem Autor nicht unähnlich findet er. Denn Franzobel erzählt nicht nur von Arktisexpeditionen, sondern auch von einem Culture-Clash mit den Inuit, der darin gipfelte, dass Peary sechs Grönländer nach New York verfrachtete, wo sie als Schauobjekte dienten. Diesem Thema wird Franzobels eher kalauernde Erzählweise nicht gerecht, meint Jungen, den es schüttelt, wenn er liest, wie Franzobel Inuit oder Afroamerikaner sprechen lässt. Echte "Kolonialismus-Dekonstruktion" sieht anders aus, meint er bedauernd.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.02.2025
Rezensentin Katharina Teutsch trifft sich mit Franzobel in dessen Wiener Wohnung zu Gugelhupf und Schnitzel, gesprochen wurde offenbar wenig, denn über das Gespräch erfahren wir kaum etwas. Das kommt der Kritik des neuen Romans zugute, den sich Teutsch sehr genau vornimmt: Jüngst tritt der österreichische Autor immer häufiger mit Romanen über den Kolonialismus hervor, im aktuellen widmet er sich der Grönland-Expedition des amerikanischen Abenteurers Robert Peary, der gemeinsam mit seinem afroamerikanischen Diener Matthew Henson zum Nordpol aufbrach. Wir lesen von körperlichen und psychischen Strapazen während der Exkursion ebenso wie vom Zusammentreffen zwischen den Amerikanern und den dort lebenden Inughuit - sechs Einheimische nimmt Peary mit nach Amerika, von denen vier kurz darauf starben, resümiert Teutsch. Im Mittelpunkt steht vor allem der neunjährige Minik, der Peary als "Forschungsobjekt" dient. Aber Franzobel erzählt nicht nur davon in einer Mischung aus Mitgefühl und bissiger Satire, sondern er spürt auch nach, wie die "Entdeckten" die Amerikaner beäugten. Es ist genau diese Integrität, beide Perspektiven einzubinden, die Teutsch dem Autor hoch anrechnet. Und so empfiehlt sie gern einen Roman, der mit bitterer Komik, mitunter auch mit Slapstick-Momenten davon erzählt, was solche kulturellen Exkursionen im Namen der Wissenschaft anrichten konnten.