Klappentext

In der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2008 nehmen sich in einer kleinen Stadt im verarmten und weitgehend isolierten Osten Grönlands elf Menschen das Leben. Wie eine Epidemie breitet sich der Freitod in allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen des Ortes aus, dessen Bewohner sich "durch eine Berührung oder einen Blick infiziert" zu haben scheinen. Oberflächlich betrachtet, stehen diese Selbstmorde in keinerlei Zusammenhang, nur einige der Toten kannten sich flüchtig. Und doch fragt sich der außenstehende Beobachter: "Ist es nicht ein Trugschluss zu glauben, das Leben eines Einzelnen habe Bedeutung nur für sich betrachtet? Genauso wenig wie der Tod eines Einzelnen Sinn macht, isoliert vom Leben der anderen."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.06.2013

Der Autorin nimmt Ulrich Baron ihre provozierend sachlichen Beschreibungen der tödlichen Melancholie Grönlands ab. Für ihn verfügt Anna Kim über die nötige Empathie mit den elf Menschen, die in diesem Roman langsam dem Abgrund zugehen und Selbstmord begehen. Die raschen Perspektivwechsel, der Wechsel auch zwischen der in einer einzigen Nacht spielenden Geschichte und historischen Rückblenden, in denen die Autorin den dänischen Kolonialismus beleuchtet, lassen Baron den Vielfach-Selbstmord zwar mitunter als Nummernrevue wahrnehmen, doch weiß der Rezensent auch, dass die Spannung im Buch aus den nicht ausgereizten Handlungssträngen resultiert.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.02.2013

Der zweite Teil von Anna Kims Trilogie des Todes bestätigt der Rezensentin Ingeborg Waldinger das Talent dieser jungen Autorin im Umgang mit Abgründen, Nullpunkten der Existenz. Elf reale Selbstmorde in der arktischen Nacht Grönlands umkreisend, liefert Kim laut Waldinger anhand von Archivmaterial und Reisen an den Ort des Geschehens das Bild einer fragilen, an intensiver Natur reichen Welt mit krassen sozialen und politischen Problemen. Meisterlich findet Waldinger, wie Kim die Kultur der Inuit mit metaphysischen Überlegungen zum Schwarz und Weiß der Natur verwebt. Das Buch gerät so für Waldinger mehr zum abstrakten Kunstwerk denn zur reinen Dokumentation.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.12.2012

Zu viel, zu viel, ruft Rezensent Peter Hamm verweifelt angesichts des neuen Romans von Anna Kim, an deren Talent der Rezensent eigentlich keinen Zweifel hat. Das Thema der Fremde und des Fremdseins, das die Autorin in all ihren Büchern umkreist, findet Hamm zwar auch hier vor. Indem Kim elf Selbstmördern in die besonders einsame Einsamkeit, die sehr dunkle Dunkelheit Ostgrönlands folgt und Mörder, Mädchenschänder und Kannibalen auftreten lässt, übertreibt sie es für Hamms Begriffe allerdings und strapaziert die Teilnahmefähigkeit des Lesers über die Maßen. Wenn Kim erläutert, wie sich ein Menschenkörper zerlegen und schmackhaft zubereiten lässt, erscheinen schreibende Landsleute der Autorin, wie Thomas Bernhard und Josef Winkler dem Rezensent zwar wie Idylliker. Im Ganzen stört ihn jedoch die thematische und personelle Überfrachtung des Romans, seine sprachlichen Ausrutscher und das Fehlen der ordnenden Hand einer erzählerischen Instanz.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2012

Mit viel Lob bespricht Rezensent Tilman Spreckelsen Anna Kims neuen Roman "Anatomie einer Nacht". Erzählt wird die Geschichte der Journalistin Ella, die in der fiktiven Siedlung Amaraq den häufigen Selbstmorden in Grönland nachgehen will. Der Kritiker erlebt hier in einer Sommernacht die Selbstmorde von elf Menschen, deren Schicksale von der Autorin nicht nur kunstvoll miteinander verwoben werden, sondern in ihrer Grausamkeit bewundernswert leise und zurückhaltend geschildert werden. Insbesondere gelinge es Kim, die Suizide in der 1500-Einwohner-Gemeinde nicht bloß auf ebenso allgemeine wie mangelhafte Erklärungen wie "Armut, Isolation und Kulturverlust" herunterzubrechen, sondern das Unglück eines jeden einzelnen in eindringlicher Präsenz auszumalen. Und so ist diese Erzählung über Tod und Leben für den Rezensenten schlichtweg ein "faszinierendes Ereignis".
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