Frank Bajohr

Parvenüs und Profiteure

Korruption in der NS-Zeit
Cover: Parvenüs und Profiteure
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783100048127
Gebunden, 255 Seiten, 22,96 EUR

Klappentext

Die Korruption im "Dritten Reich" hatte viele Facetten: Reichsminister, die mit öffentlichen Mitteln Schlösser und "Herrensitze" erwarben und beträchtliche Steuerprivilegien genossen; Höhere SS- und Polizeiführer, die Marmorbäder aus französischen Schlössern demontierten, um ihre Diensträume damit auszustatten; Gestapobeamte, die ihre jüdischen Opfer bei "Haussuchungen" ausplünderten; und, nicht zu vergessen, eine riesige Zahl von Parteigenossen und Funktionären, die Mitgliedsbeiträge und Sammlungseinnahmen unterschlugen. Allein von 1934 bis 1941 strengte der NSDAP-Reichsschatzmeister 10. 887 Strafverfahren an. Korruption war kein isoliertes Randphänomen, sondern ein zentrales Strukturproblem der NS-Herrschaft. Der Autor macht nicht nur den Umfang der Korruption deutlich, sondern geht vor allem ihren Ursachen nach: der NS-Bewegung, die in Cliquen zerfiel und durch Patronage und materielle Gefälligkeiten zusammengehalten wurde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.08.2001

Michael Wildt lobt diese Studie fast uneingeschränkt. Bajohr belege mit Hilfe der neueren sozialwissenschaftlichen Forschung und zahlreichen Beispielen, dass Korruption keine Ausnahme, sondern Bestandteil der nationalsozialistischen Herrschaft war. Den Grund sehe Bajohr vor allem in der auf dem Führerprinzip basierenden "Struktur des NS-Staates", die die "Cliquenwirtschaft" quasi zum Prinzip erhob. Die so entstehende Schattenwirtschaft bereitete dem Staat allerdings auch einige Probleme, erzählt der Rezensent. So habe Himmler Korruptionsfälle innerhalb der SS "exemplarisch" bestraft, da seiner Ansicht nach der Massenmord an den Juden aus weltanschaulichen Gründen und nicht aus Habgier erfolgen sollte. Nur einen Mangel stellt Wildt an der Studie fest: Auch die Opfer haben die Korruptionsbereitschaft der Nazis ausgenutzt. Für viele sei es der einzige Weg gewesen, ihr Leben zu retten. Diese Seite analysiere Bajohr leider nicht so gründlich wie die Täterseite. Alles in allem hätten diesem "ebenso lesbaren wie lesenswerten Buch" daher ein "paar hundert Seiten mehr" gut angestanden, meint der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.07.2001

Von Hans Mommsen bereits Ende der Sechziger als Forschungslücke erkannt, bildet das Thema des Bandes für den Rezensenten "ein Kapitel vernachlässigter Geschichtsschreibung". Dabei interessiert sich Oliver Schmidt weniger für die sogenannten großen Fälle der Korruption im "Dritten Reich" (mit Göring, Bormann, Speer als Protagonisten) als dafür, wie es dem Autor zu zeigen gelingt, "dass sich die Korruption wie ein roter Faden durch alle Gesellschaftsschichten zog." Mittels einer Fülle von Beispielen, so Schmidt, entstehe ein informatives Sittenbild, "dass die Schamlosigkeit der braunen Machthaber und subalternen Parteifunktionäre offenbart." Das "dezidierte" Urteil des Autors über die Mitschuld weiter Kreise der deutschen Bevölkerung, scheint dem Rezensenten wohl angebracht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2001

Klaus Hildebrand konstatiert, dass über Korruption in totalitären Systemen meistens geschwiegen wird, obwohl diese, mangels öffentlicher Kontrolle, gerade dort einen besonders fruchtbaren Nährboden finde. Insofern hat das Buch von Bajohr eine neue Perspektive auf den Nationalsozialismus, meint Hildebrand: es stellt Korruption und "Bonzenwirtschaft" im NS-Staat dar. Die Nazis waren angetreten, angeblich gegen diese Missstände der Weimarer Republik vorzugehen und bildeten selbst korrupte Strukturen - basierend auf "Kameraderie und Cliquenwirtschaft" - erfolgreich aus. Hildebrand betont die solide und anschauliche Arbeit Bajohrs, schlägt aber ergänzend einen Vergleich mit anderen Diktaturen des 20. Jahrhunderts vor, um Korruption in totalitären Systemen im Allgemeinen und im Nationalsozialismus im Besonderen zu erarbeiten. Der Rezensent ist auch skeptisch gegenüber einigen Vermutungen, die der Autor am Ende des Buches äußert. Dass der Nationalsozialismus weniger eine Diktatur von oben als eine soziale Praxis war, an der auch "ganz normale Deutsche" beteiligt waren, scheint dem Rezensenten weniger ein Ergebnis der Studie Bajohrs als eher eine weiterführende These zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2001

Sybille Steinbacher zeigt sich geradezu begeistert von dieser Studie, die sich ihrer Ansicht nach vor allem durch "einprägsame Schilderung, pointierte Zusammenschau und eine Faktenfülle, die ihresgleichen sucht", auszeichnet. Zwar räumt sie ein, dass nicht alle Informationen in diesem Buch neu sind, doch habe eine zusammenfassende Darstellung zum Thema Korruption im Nationalsozialismus bisher gefehlt. Diese Lücke wurde nun, wie Steinbacher betont, auf eindrucksvolle Art geschlossen. So lobt sie nicht nur die "Auswahl und Darstellung der reichlich präsentierten, an Kuriosem nicht armen Beispiele", sondern würdigt in ihrer Rezension das Buch auch als "wichtige Forschungsleistung". Zwar äußert Steinbacher auch Kritik, etwa was die Gliederung des Buchs betrifft, bei der Bajohr einer systematischen Vorgehensweise den Vorzug vor einer chronologischen gegeben hat. Dies führt nach Steinbacher zu Redundanzen und bisweilen einiger Unklarheit. Doch insgesamt erhalte der Leser einen guten Einblick in die verschiedenen Formen der Korruption im Nationalsozialismus und werde über deren Ursachen und Auswirkungen auf überzeugende Weise informiert.
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