Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. Unter ihrem unauffälligen Erscheinungsbild offenbart sich die Weisheit bei François Jullien als ein Anderes der Philosophie, das tückischer ist als die Sophistik oder die Theologie, ihre traditionellen Gegenspielerinnen. Die Weisheit ist im Grunde beunruhigender, ihre Anti-Philosophie virulenter: auf Wahrheit, sagt sie, kann man verzichten, denn Übereinstimmung genügt; über die Dinge gibt es nichts zu sagen, denn das Reden blockiert nur deren geregelten Lauf; vor allem aber muss man sich vor Ideen hüten, denn sie fixieren und kodifizieren unser Denken, beschränken unseren Handlungsspielraum. In Europa gibt es nur ein paar verstreute Bruchstücke der Weisheit: Pyrrhon, die Stoiker, Montaigne. In China dagegen, wo kein Gebäude der Ontologie errichtet wurde, ist die Weisheit der "Weg".
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