Francois Garde

Was mit dem weißen Wilden geschah

Roman
Cover: Was mit dem weißen Wilden geschah
C. H. Beck Verlag, München 2014
ISBN 9783406663048
Gebunden, 318 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Sylvia Spatz. 1843 wird der junge Matrose Narcisse Pelletier von seinem Kapitän versehentlich an der australischen Ostküste zurückgelassen. Als man ihn nach siebzehn Jahren zufällig wiederfindet, lebt er inmitten eines Stamms von Jägern und Sammlern: Er ist nackt und tätowiert, spricht nur noch deren Sprache, hat seinen Namen vergessen. Was ist geschehen? Dieses Rätsel versucht der Entdecker Octave de Vallombrun zu ergründen und glaubt sich der Lösung schon ganz nah, als ihm der "weiße Wilde" in gebrochenem Französisch antwortet. Er bringt seinen verunglückten Landsmann nach Paris und macht es sich zur Aufgabe, ihn in sein altes Leben, zu seiner Familie zurückzuführen. Doch Narcisse Pelletier öffnet sich dem selbsternannten Retter nur widerwillig: Reden, so sagt er, ist wie Sterben.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2014

Philippe Panizzon geht leicht schwermütig aus der Lektüre von François Gardes Erstlingsroman hervor. Das auf der wahren Geschichte des 1843 in Australien "gestrandeten" französischen Matrosen Narcisse Pelletier basierende Buch ist für Panizzon zwar als Thesenroman kenntlich, der Fragen nach Identität, Zivilisation und Fremdheit nachgeht, fesselnd ist das Buch für ihn aber auch, und zwar sowohl als Robinsonade, die das entbehrungsreiche Leben auf der Insel zeigt, als auch in der Schilderung der Narcisses versuchter Reintegration in die Zivilisation durch den Forscher Octave de Vallombrun und der "schmerzvollen Erfahrungen mit Geld, Schuld und Scham - den dunkleren Blüten unserer Zivilisation", fasst Panizzon zusammen.  Dass der Autor, der seinen Stoff mit Mitteln des Brief- und Abenteuerromans ordnet, nicht didaktisch zu Werke geht, nimmt der Rezensent erleichtert zur Kenntnis.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.06.2014

Sehr anschaulich führt Susanne Lenz durch dieses, mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Werk, in dem François Garde in einer zweigliedrigen Struktur aus Abenteuer- und Briefroman von einem Matrosen erzählt, der im Alter von 18 Jahren nach Schiffsbruch bei Aborigines unterkommt, sich deren Kultur nach ersten Widerständen fügt und schließlich, nach 18 weiteren Jahren und mittlerweile durch und durch assimiliert, von westlichen Forschern entdeckt wird: So rätselhaft und fremd dem jungen Matrosen die Welt der Aborigines erst erscheint, so rätselhaft und fremd ist ihm dann auch seine alte Heimatwelt. Dass der Autor dabei aus seinen langjährigen Erfahrungen als französischer Verwaltungsbeamter im pazifischen Raum geschöpft hat, liegt für die Kritikerin auf der Hand. Die Transformation des Matrosen in einen Aborigine vermittelt Garde im Modus der Andeutung, sie vermittelt sich Schritt für Schritt, erklärt die Rezensentin weiter. Fernerhin hat sie beobachtet, dass der an "kulturelle Konventionen" geknüpfte Begriff "Identität" an keiner Stelle fällt, "und doch geht es um nichts anderes." Dadurch ergibt sich mitunter auch eine ganz neue Perspektive auf die Gepflogenheiten des eigenen Kulturkreises, wie Lenz nicht ohne Vergnügen bemerkt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.04.2014

Spannung bis zur letzten Seite hat Joseph Hanimann mit diesem Romanexperiment von Francois Garde genossen. Das Experimentelle ist für den Rezensenten allerdings zugleich das Problematische an diesem Text. Denn so spannend die Geschichte des von seinen Leuten 1843 versehentlich an der australischen Ostküste zurückgelassenen Matrosen Narcisse Pelletier auch ist, so sehr nimmt die vom Autor gewählte Form der parallel geführten Erzählstränge, hier Abenteuerroman, dort Briefbericht, dem Ganzen den Wind aus den Segeln, findet der Rezensent. Dass auf die Art verschiedene Vorstellungen von Fremdheit ausbuchstabiert werden, ist für Hanimann das eine. Das andere aber ist das Ausbremsen einer lebendig und fesselnd erzählten authentischen Robinsonade, erklärt Hanimann ein kleines bisschen enttäuscht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2014

Als Denkanregung findet Niklas Bender diesen Romanerstling des Verwaltungsbeamten François Garde höchst brauchbar. Abwechselnd gepackt und melancholisch gestimmt folgt Bender der zweigleisigen Geschichte - hier die auf einem historischen Fall beruhende Robinsonade des Matrosen Narcisse Pelletier 1843 im Nordosten Australiens, dort die Korrespondenz seines späteren Gönners Vallombron über die schrittweise Wiedereingewöhnung des "weißen Wilden". Wie der Autor abendländische Vorurteile, Borniertheit und Rassismus ausstellt, aber auch, wie er die Zweigeteiltheit der Hauptfigur zwischen den Kulturen nach Art eines Thesenromans philosophisch erkundet, hat Bender gefallen.
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