Franco Moretti hat sich mit dem Schlagwort des distant reading einen Namen gemacht als Vorreiter einer quantitativen und statistischen Erforschung von Literatur. Dabei werden im Gegensatz zum herkömmlichen close reading, das wenige Texte detailliert und unter qualitativen Gesichtspunkten betrachtet, riesige Textmengen herangezogen. Insbesondere in den Digital Humanities erwartet man sich durch diese Methode neue Erkenntnisse.
Überdies bleibt die herkömmliche Literaturwissenschaft nicht nur an die individuelle Leseleistung, sondern auch an die begrenzten Sprachkenntnisse einzelner Forscher gebunden. Für Moretti ist es an der Zeit, analog etwa zur Globalgeschichte auch zu einer Weltliteraturforschung vorzudringen, die er unter Zuhilfenahme von big data-Verfahren plausibel macht.
Selbst wenn sich Franco Moretti verrennt, wenn seine Theorien schon bei ihrem Erscheinen veraltet sind, ist Steffen Martus fasziniert von den Ausführungen des italienischen Literaturwissenschaftlers. Denn Moretti verbinde seinen rebellischen Habitus immer mit einem bürgerlichen Arbeitsethos und schlichtweg ingeniösen Ansätze. Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet Moretti daran, wie Martus darstellt, die Geschichte der Literatur nach dem Muster der Evolutionstheorie und als "Weltsystemtheorie" neu zu verfassen. Dafür empfahl er das "distant reading" als polemischen Gegenbegriff zum "close reading" und meint, man müsse nicht jedes Buch selbst gelesen haben, über das man eine Aussage treffen möchte. Was Moretti nicht abschätzen konnte, war der Quantensprung der digital studies, mit denen sich der erfasste Textkorpus und die Möglichkeiten der Recherche ins Unermessliche potenziert haben. Macht nichts, meint Martus, dadurch würde der Essay nur umso lehrreicher.
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