Ferdinand Bordewijk

Charakter

Roman von Vater und Sohn
Cover: Charakter
C. H. Beck Verlag, München 2007
ISBN 9783406563720
Gebunden, 362 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. Mit einem Nachwort von Cees Nooteboom. Rotterdam in den dreißiger Jahren. Der ehrgeizige Jacob Katadreuffe arbeitet sich buchstäblich aus der Gosse bis in die oberste Etage einer Anwaltskanzlei. Doch er hat einen Widersacher, der ihn scheinbar erbarmungslos immer wieder zurückwirft: seinen eigenen Vater, den gefürchteten Gerichtsvollzieher Dreverhaven. Will er sich dafür rächen, dass Katadreuffes Mutter ihn einst, nach einer einzigen Nacht, zurückgewiesen und damit freiwillig auf gesicherte Verhältnisse verzichtet hat? Oder ist alles Teil eines Planes des Vaters, der seinen Sohn durch die harte Schule des Lebens schickt, um aus ihm einen gefestigten Charakter zu machen? Ein Bildungsroman und Klassiker der niederländischen Literatur in neuer Übersetzung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.02.2008

Ferdinand Bordewijks bereits 1938 erstmals erschienener Vater-Sohn-Roman weht den Rezensenten mit Grabeskälte an. Allerdings ist es nicht die Feuchtigkeit der Rotterdamer Kanäle, die Jean-Michel Berg frösteln lässt, sondern die für ihn nicht zu klärende Frage, ob der Autor hier calvinistisches Ethos und sogar "rassisch-physiognomisches Denken" einsetzt, um ein möglichst befremdliches Kunstwerk zu schaffen, oder ob es dem Autor Ernst war damit. Berg jedenfalls liest das Buch als historisches Dokument. Was sonst, findet er, angesichts dieser "unerbittlichen Atmosphäre" von Zucht und Entmenschlichung und des "notariellen Berichtstils", mit dem Bordewijk, im Stil der neuen Sachlichkeit, wie es heißt, die Entwicklungsgeschichte eines jungen Menschen erzählt, der in finsterer Zeit gegen einen besonders bösartigen Vater aufbegehrt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2008

Ein wenig ratlos sitzt Rezensent Wolfgang Schneider vor diesem Roman, der zu den modernen Klassikern der Niederlande gehört. Ihn zumindest hat Ferdinand Bordewiijk nicht packen können mit seiner Geschichte von einem unehelichen Sohn, der sich gegen den Widerstand seines hartherzigen Vaters an den eigenen Aufstieg macht. Zum Leidwesen des Rezensenten tut er dies über eine Bürokarriere und den zweiten Bildungsweg - für den Rezensenten sind beide Wege literarisch nicht besonders ergiebig. Besser gefallen ihm dagegen die Beschreibungen Rotterdams, bei denen sich ihm die "Größe der Moderne" auch in diesem Roman zeigt. Fragwürdig wiederum erscheinen ihm gewisse "erbbiologische" Reflexionen, bei denen Schneider jedoch nicht einschätzen kann, ob etwa die runden Köpfe der höheren Schichten von Bordewijks Humor oder dem Zeitgeist zeugten.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.01.2008

Rezensentin Antje Korsmeier ist ausgesprochen froh über die Wiederentdeckung dieses 1938 geschrieben niederländischen Romans über ein überaus schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis. Nicht nur der hochdramatische und ungewöhnlich scharfe Generationskonflikt zwischen einem Vater und seinem unehelichen Sohn macht das Buch für die Rezensentin zum Ereignis, sondern auch die Art, wie Ferdinand Bordewijk hier die Aufsteigerthematik inszeniert hat: die ungeheuerliche Dynamik, mit der hier der zunächst unterpriviligierte Sohn den moralisch maroden aber erfolgreichen Vater übertrumpft. Sprache, Erzählduktus und Figurenzeichnung des Romans beschreibt sie als knapp und schnörkellos, wodurch das "Unpsychologische" mit dem dieser bedeutende Vertreter der niederländischen Moderne das Phänomen "Charakter" als Idee des gesellschaftlichen Weiterkommens illustriert, besonders scharf hervortreten lässt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.08.2007

Hocherfreut ist Dorothea Dieckmann über diese neue deutsche Übersetzung des 1938 erschienenen niederländischen Klassikers. Sie würdigt den Autor als Vorläufer von W. F. Hermans und als großen Schriftsteller der niederländischen Literatur, der mit "Charakter" einen "dunklen, mitreißenden, hochmodernen" Roman verfasst hat. Die Vater-Sohn-Geschichte, in der alttestamentliche Anleihen und einiges von Kafka und Freud zu entdecken seien, entwickelt für Dieckmann eine starke Sogwirkung und scheint ihr zunehmend beklemmend und zugleich unheimlich spannend. Die Erzählweise des Autors beschreibt sie als "expressionistisch, grotesk und von einer suggestiven, exakt komponierten Poesie". Mit Lob bedenkt sie die Übersetzerin Marlene Müller-Haas, die diesen faszinierenden Roman in ein "unauffällig brillantes" Deutsch übertragen habe.