Etienne Francois (Hg.), Hagen Schulze (Hg.)

Deutsche Erinnerungsorte, Band I

C. H. Beck Verlag, München 2001
ISBN 9783406472220
Gebunden, 724 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Von Canossa bis zum Reichstag, vom Nibelungenlied bis zur Familie Mann, vom Weißwurstäquator bis zur Berliner Mauer, vom Dolchstoß bis zu Willy Brandts Kniefall in Warschau - in insgesamt vierzig ebenso klugen wie glänzend geschriebenen Beiträgen präsentieren herausragende Autoren aus dem In- und Ausland die wichtigsten Bezugspunkte im kulturellen Gedächtnis der Deutschen. In der nun vorliegenden, auf insgesamt drei Bände mit über 100 Beiträgen angelegten "Topographie" deutscher Erinnerung geht es nicht nur um die Geschichte dieser Erinnerungsorte, sondern um die Geschichte ihrer Entstehung als "loci memoriae": Wie und warum wurden Erinnerungsorte zu Kristallisationspunkten des kollektiven Gedächtnisses, und wie veränderte sich der Bedeutungsgehalt dieser Symbole im Laufe der Geschichte bis in die Gegenwart?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.12.2001

"Was macht eigentlich einen deutschen Erinnerungsort aus", fragt sich Wolfgang Kruse nach der Lektüre dieses dreibändigen Werkes. Darauf findet der Rezensent zwar keine Antwort, dennoch kann er dem umfangreichen Werk einiges abgewinnen. Doch der Reihe nach: Das Grundproblem dieser Bücher ist für den Rezensenten die willkürliche Auswahl der beschriebenen Merksteine der deutschen Geschichte. Während "Dichter und Denker" umfangreich beschrieben würden, vermisst Kruse viele "Gedächtnisorte": So etwa die Rätebewegung von 1918, das kommunistische Manifest oder den Paragraphen 218. "Bestimmten Dingen wird keine ... ein eigenes Stichwort rechtfertigende Bedeutung für die deutsche Erinnerungskultur zugesprochen", ärgert sich der Rezensent. Diese Auslassungen erklärt sich der Rezensent mit dem "höheren Kulturbegriff" der Herausgeber. Die besten Beiträge der Bände hingegen seien die, die "realen Orten" gewidmet sind, findet Kruse. Besonders lobt er die Aufsätze zu Brandenburger Tor und Führerbunker. Insgesamt erscheint die deutsche Vergangenheit hier in "dezent konservativer Tönung", bewertet der Rezensent die Ausrichtung der Bücher, die einen vertiefenden Einblick in deutsche "Erinnerungen, Mentalitäten und Selbstbilder" lieferten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2001

Claus Leggewie zeigt sich schwer beeindruckt von der geschichtswissenschaftlichen Herangehensweise, die Etienne Francois und Hagen Schulz verfolgt haben, und nennt die drei Bände zu deutschen Erinnerungsorten "einen großen Wurf". Bei aller Begeisterung für das Gesamtwerk und dessen unkonventionelle Gestaltung sind es doch die Einträge, denen jeder territoriale oder materielle Bezug fehlt, die den Rezensenten etwas verwirren. Auch die populäre Massenkultur und soziale Bewegungen, etwa die Arbeiterbewegung, kommen nach Leggewies Meinung etwas zu kurz. Zudem findet er es bedauerlich, dass das Buch die Chance nicht wahrnimmt, "ein und denselben Ort wenigstens exemplarisch im Licht der 'zwei Vergangenheiten' zu betrachten". Von diesen kleinen Einschränkungen eingesehen, schreibt Leggewie, dass die drei Bände dem Leser sehr interessante Perspektiven eröffnen: es "ergeben sich jede Menge Bündelungen und Querverweise, die dem Leser nicht aufgezwungen werden, sondern eigener Kombinationsgabe und Intuition überlassen bleiben".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2001

Für ein lobenswertes Unterfangen hält Christoph Jahr das auf insgesamt drei Bände angelegte Projekt "Deutsche Erinnerungsorte", das sich am französischen Vorbild "Lieux de memoire" orientiert und auch tatsächlich in deutsch-französischer Zusammenarbeit entstanden ist. Heterogenität sei Stil und Qualitätsmerkmal solcher Sammelbände, bemerkt Jahr, was es fast unmöglich mache, sie zu rezensieren. Einige Schwachpunkte zeichnen sich für Jahr bereits jetzt ab: Die Zuordnung der Essays unter einen der sechs Oberbegriffe erscheint ihm teilweise willkürlich - was sucht ein Artikel über die "Junker" im Themenabschnitt "Zerrissenheit", fragt der Rezensent. Andere Begrifflichkeiten der deutschen Geschichte wie Judenemanzipation oder Nationalsozialismus fehlen ihm völlig, und auch die Ostperspektive sei nur unzulänglich berücksichtigt. "Erinnerungsorte", erläutert Jahr das Konzept, seien nicht rein materiell zu verstehen, vielmehr komme es auf die symbolische Funktion des behandelten Gegenstandes an. Wo bleibt also der Aufsatz über "Völkerfreundschaft" oder "Antifaschismus", fragt Jahr.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.04.2001

Ulrich Speck ist sehr enttäuscht von diesem ersten Band eines als Trilogie konzipierten Werks über "Erinnerungsorte" der Deutschen. Das Projekt ist, wie er meint, schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt, da es sich an das französische Konzept der Lieux de mémoire von Pierre Nora anlehnt. Doch sind seiner Ansicht nach deutsche "Erinnerungsorte" viel schwieriger auszumachen als französische, was an der "zentralisierten Bildung" und der "recht homogenen Nationalgeschichte" Frankreichs liege. Dazu komme, dass durch die Teilung Deutschlands auch noch ein Ost-West- Unterschied der Erinnerung bestehe, so dass sich ein gemeinsames "Erinnerungsbildungsgut" wohl nur schwer finden lasse. Auch wenn der Band eine "illustre Reihe" von Autoren aufbietet, können auch sie das "fragwürdige" Unternehmen nicht retten, da sich die "Unsicherheit über das Konzept" durch die meisten Beiträge zieht, wie der Rezensent meint. Und so kritisiert er das Buch als "weder im Ansatz noch in der Durchführung" überzeugend und tadelt es als vollkommen "misslungenen Import" eines speziell französischen Modells. Dass es dabei über weite Strecken "unkritisch" und "handwerklich" mangelhaft daher kommt, macht die Sache für den Rezensenten nur noch schlimmer.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2001

Hans-Ulrich Wehler erinnert an das Sammelwerk "Lieux de mémoire", das vor wenigen Jahren in Frankreich erschien und offenbar Vorbild für dieses Projekt ist. Der Rezensent hat grundsätzlich Achtung vor dem Projekt, aber auch verhaltene Skepsis, so weist er auf einige Probleme und Gefahren hin. Vor allem regt die Art der Auswahl zu Nachfragen an: Hätte Hitlers Werdegang ausführlicher beschrieben werden sollen und nicht nur der Führerbunker (der Aufsatz von Joachim Fest wird gelobt)? Oder: Wie steht es um den Bismarckmythos? Die sind nur einige der Fragen. Letztgültig ließen sich die Selektionskriterien aber erst nach Erscheinen der beiden nächsten Bände beurteilen. Dass die Autoren, beide Historiker, 1989/90 als den Zeitpunkt ansehen, ab dem Deutschland als "normaler Nationalstaat" zu werten ist, erhöht für den Rezensenten den Anspruch, den man an dieses Werk stellen muss, denn die "Normalität" zeigt sich auch an dem Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung; war es daher richtig, den Komplex "Reich" hervorzuheben und weniger die demokratisch-republikanische Tradition Deutschlands? fragt sich der Rezensent und kommt zu dem Schluss, das man eben auch die politischen Absichten der Herausgeber in diesem "Pionierwerk" ablesen könne.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2001

Johannes Willms geht sehr behutsam um mit diesem ersten von drei geplanten Bänden des Projekts "Deutsche Erinnerungsorte". Behutsam deshalb, weil er es nicht versäumt, uns die vielgestaltigen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens - das Problem der Systematisierbarkeit einer so komplexen historischen Entwicklung wie der deutschen etwa - vor Augen zu führen, ehe er - sehr differenziert übrigens - seine durchaus gravierenden Einwände mitteilt: Ihren Gegenstand wirklich funkeln zu lassen, schreibt Willms, derart, "dass seine Reflexe eine Fülle vom Vergessen oxydierter Reminiszenzen zum Aufleuchten bringen und damit die erinnernde, die historische Reflexion beim Leser anregen", gelinge gerade mal zehn der insgesamt 39 Beiträger. Viele der Aufsätze sind dem Rezensenten dagegen "wie Lexikonartikel" erschienen. Geradezu unverzeihlich findet er es, dass in diesem Band mit seiner Programmatik "die für die Binnenlegitimation des deutschen Nationalsozialismus so charakteristischen `Feindbilder` nur vergleichsweise kursorisch abgehandelt werden." Die Vorfreude des Rezesenten auf die ausstehenden Bände des Projekts ist gedämpft.
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