Ernst Haffner

Blutsbrüder

Ein Berliner Cliquenroman
Cover: Blutsbrüder
Metrolit Verlag, Berlin 2013
ISBN 9783849300685
Gebunden, 264 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Anfang der 1930er Jahre lebten in Berlin und anderen deutschen Großstädten infolge der prekären wirtschaftlichen Verhältnisse tausende Jugendliche auf der Straße. Sie verdingten sich als Tagelöhner und Laufburschen, aber häufig führte ihr Weg sie auch in die Kriminalität oder Prostitution. Zuflucht und ein wenig Sicherheit und soziale Wärme fanden sie in selbstorganisierten Cliquen. Sie boten aber nicht nur Schutz, sondern waren auch Ausdruck einer proletarischen Jugend-Subkultur. In stillgelegten Fabrikbaracken traf man sich, trank, tanzte und pflegte einen Lebensstil, der durch den Hass auf die bürgerliche Gesellschaft und die Welt der Erwachsenen geprägt war. In diesem heute vergessenen, aber gut dokumentierten Milieu ist dieser von Ernst Haffner geschriebene und unter den Nazis verbotene und bei den Bücherverbrennungen öffentlich zerstörte Roman angesiedelt. Im Mittelpunkt stehen zwei aus Erziehungseinrichtungen geflüchtete Jugendliche und die Clique der Blutsbrüder, der sie sich nach ihrer Ankunft in Berlin anschließen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.12.2013

Nicht zu verwechseln sei das Buch mit einem guten Roman, rät Nico Bleutge, der Ernst Haffners Milieureportage "Blutsbrüder" zwar als gutes Kontrastprogramm zu Benjamins großbürgerlicher Berliner Kindheit sieht, den Haffners Stil und Perspektive aber dennoch nicht überzeugen können. Zu sehr versteift sich der Autor auf den Blick von unten nach oben und moralisiert, was das Zeug hält, findet Bleutge. Zu sehr bedient er die Klischees vom sozialen Außenseitertum in der Weimarer Republik, wenn er die Diebestouren der Alexanderplatz-Clique um Jonny, Konrad und Fred schildert. Als Zeitporträt und Materialsammlung, in der das Klima aus Armut und Überwachung kurz vor Beginn des "Dritten Reichs" sichtbar wird, hat das Buch für den Rezensenten allerdings so etwas wie Gebrauchswert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2013

Die Nazis haben Ernst Haffners Roman "Blutsbrüder" einst ins Feuer geworfen, schon das spricht für das Buch, meint Rezensentin Ina Hartwig. Haffner, von dem nur dieser eine Roman erhalten blieb und über den auch sonst wenig bekannt ist, erzählt darin die Geschichte einer Clique von Berliner Gassenjungen in den Tagen der Weimarer Republik; allesamt sind sie ausgerissen, manche vor prügelnden Erziehern, manche vor den Freiern ihrer Mütter, jetzt saufen sie in verruchten Spelunken und müssen regelmäßig vor der Polizei türmen, fasst Hartwig zusammen. Siegfried Kracauer hat das Buch für seine Milieuschilderung gelobt, erzählt die Rezensentin, die Haffners Stoff angesichts der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit erschreckend aktuell findet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2013

Rezensent Andreas Kilb bezweifelt, dass dem Aufbau-Verlag mit dem nun unter dem Titel "Blutsbrüder" wieder aufgelegten Roman Ernst Haffners aus dem Jahre 1932 ein ähnlicher Erfolg gelingt wie mit Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein". Zwar liest der Kritiker durchaus interessiert die Geschichte um eine Berliner Clique, die den Alltag zwischen Weltwirtschaftskrise, politischen Kämpfen und ziviler Zerrüttung mit Alkoholgelagen in Kneipen, Rummelplätzen, Mädchen, Prostituierten und Prügeleien verbringt. Dennoch erscheint Kilb dieser zwischen Reportage und Moritat oszillierende Insider-Bericht aus der Berliner Jugendbandenszene so wenig zeitgemäß, dass er nur schwer das Interesse einer Vielzahl von Lesern wecken dürfte. Denn Haffners feindlicher Blick auf die Kaschemmen, Edelbordelle und den bürgerlichen "Amüsiermob" liest sich laut Kilb allzu sehr wie ein moralisierender "Rundumschlag". Nichtsdestotrotz hat der Kritiker dieses Buch mit dem "wohligen Schauer", der etwa durch einen wiederentdeckten Stummfilm hervorgerufen wird, gelesen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.08.2013

Kleine Tribute ans Klischee verzeiht Jens Bisky dem Autor gerne. Derart keusch und genau schildert der rätselhafte Unbekannte der Literatur der Weimarer Zeit, Ernst Haffner, das Milieu der Berliner Cliquen um 1930. Dem bisschen Voyeurismus in Sachen Sex and Crime in der nun wiederentdeckten Geschichte um den jungen Schwerenöter Willi Kludas gehen Abenteuer voraus, die Bisky nicht mehr vergessen wird, Szenen, gewonnen aus eigener Anschauung, spannend und raffiniert komponiert, schreibt Bisky begeistert, der auch die Verfilmbarkeit des Stoffes aus der Berliner Halbwelt nicht unerwähnt lässt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.08.2013

Eine Wiederveröffentlichung nach 80 Jahren, die es in sich hat. Meint jedenfalls Ulrich Gutmair in der taz, der in Ernst Haffners Berliner Cliquenroman über die Punks der Spandauer Vorstadt in der Zeit der Weimarer Republik durchaus aktuelle Bezüge ausmacht. So bei Haffners Kritik der Fürsorge als Disziplinarregime, siehe die Folterkammern ostdeutscher Jugendheime. Oder auch bei der Darstellung linker Subkultur in Absetzung zu rechtsnationalen Tendenzen in der Jugendkultur. Haffners Stilmix zwischen authentisch-nüchterner Milieuschilderung und drastischer Überspitzung von Sex und Gewalt machen den Roman für den Rezensenten zur faszinierenden Lektüre.