Dorothea Dieckmann

Sprachversagen

Cover: Sprachversagen
Droschl Verlag, Graz - Wien 2002
ISBN 9783854205937
Gebunden, 88 Seiten, 12,00 EUR

Klappentext

Eine Diagnose von Literatur unter den Gesetzen der Mediengesellschaft - und ein Essay über die Bachmann, der die Dichterin beim Wort nimmt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2002

Beatrix Langner bespricht nicht nur den neuen Roman von Dorothea Dieckmann, sondern untersucht ihn anhand der Kriterien, die Dieckmann in ihrem gleichfalls neu erschienenen Essay "Sprachversagen" für die Literatur aufstellt.
In Dorothea Dieckmanns Roman ist es der Körper, der spricht, schreibt die Rezensentin Beatrix Langner. Dieckmann inszeniere ein Klassentreffen - nach zwanzig Jahren - als "tiefschwarzes Kammerspiel", in dem sich die Identitätsfrage zwischen dem eigenen Körper und dem Blick des Anderen stelle. Wie mit "blitzender Polaroidtechnik" sei dieser "fotorealistische Roman" geschrieben, eine Art literarischer "cinéma vérité". Die Welt jenseits der sichtbaren Körperhülle dagegen - Vergangenheit und deren Reflexion - ist laut Rezensentin "als Abwesenheit" mitgeschrieben. Diese Spannung zwischen dem Außen und dem Innen, so die Rezensentin, realisiert sich in der Artikulation des Verborgenen in der Körpersprache. Doch diese Erzählkunst stehen für die Rezensentin im Gegensatz zu den literaturtheoretischen und -ästhetischen Überlegungen, die Dieckmann in ihrem Essay "Sprachversagen" anstellt. Hier bezeichne Dieckmann die "phraseologische" Literatur als "Pseudoliteratur". Dieckmann wolle das Unsagbare vor den Übergriffen der mediangesellschaftlichen Schamlosigkeit schützen, für Langner eine Art "Literaturreligiosität". Doch irgendetwas schmeckt der Rezensentin nicht an diesem Essay: Dieckmanns Argumentation stehe "schon deshalb auf verlorenem Posten, weil dieses Schweigen selbst eine Metapher ist und den symbolischen Formen angehört, also keine kritische Kategorie ist". Aha. Langners Fazit: Dieckmanns Roman, der "kritisch mit vorgefundenem Sprachmaterial umgeht" und den die Autorin als Umsetzung ihrer Theorie sieht, hebt genau diese "aus den Angeln".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.05.2002

"Fulminant" findet Reinhard Baumbart Dorothea Dieckmanns Essay "Sprachversagen". Einem Gewitter gleich wird er die "literarische Szene erschüttern und erhellen", ist der Rezensent überzeugt. Die Autorin formuliere hier einen "emphatischen Anspruch" an die Literatur, wie es ihn in seiner Radikalität vergleichsweise nur in der "Hochzeit der literarischen Moderne" gegeben hat, meint Baumgart. Dieckmanns "asketische Kunstreligion", gestrickt um Franz Kafka und eine "zur existenziellen Ikone hochstilisierten" Ingeborg Bachmann, trage die Autorin in einer "pamphletischen Wut" auf den gegenwärtigen "marktgeilen" Literaturbetrieb vor, wie sie ihresgleichen suche. Für den begeisterten Rezensenten steht eh fest: Dorothea Dieckmann zählt zu den "allerbesten" Autorinnen der Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.04.2002

In ihrem Essay "Sprachversagen" sucht Dorothea Dieckmann die Wahrheit des Schreibens in Schutz zu nehmen. Ob ihr das gelungen ist? Rezensent Burkhard Müller scheint sich nicht so ganz sicher. Dieckmanns Versuch, in mehren Anläufen zu definieren, was wahre Sprache ist, überzeugt den Rezensenten nicht wirklich. Zwar gibt er Dieckmann in ihrem Zorn auf die Phrase als unwahres Sprechen schlechthin recht, bemängelt aber zugleich, dass ihre Begriffe konturlos bleiben, weil sie auf Beispiele verzichtet: "Klarheit wäre hier ein umso höheres Verdienst gewesen, als der Widerpart sich in der Diffusität zu entziehen trachtet." Was Dieckmann stattdessen vorbringt, bleibt für den Rezensenten "ohnmächtig". Erstaunt zeigt er sich darüber, dass sich Diekmann bei ihrer Auseinandersetzung mit einer phrasendreschenden Öffentlichkeit kein einziges mal auf Karl Kraus bezieht, der auf diesem Gebiet doch wertvolle Vorarbeit geleistet habe. Letztlich scheint ihm die Autorin "einer allzu herben, einer möglicherweise tödlichen Askese das Wort zu reden". Aber nicht mit unserem Rezensenten! "Darf man irgendwem zum Schweigen raten?", fragt er besorgt. Natürlich nicht! Denn: "Im Schweigen fallen die Lebenden mit den Toten ununterscheidbar zusammen."
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