Dorothea Dieckmann

Damen und Herren

Roman
Cover: Damen und Herren
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002
ISBN 9783608933253
Gebunden, 319 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

Marx, die Stones und Sergio Leone waren ihre Götter. "Easy Rider" war noch immer Kult, und Camus und Sartre waren die Themen in den Schulpausen, "zwischen Lehrerparkplatz und Eduscho". Nun, zwanzig Jahre später, treffen sie sich wieder, in der Gaststätte "Waidmannsruh". Draußen fällt Schnee. Es wird ein bizarrer Abend. Fast alle sind gekommen, und Marie, die Erzählerin, mischt sich in den Kreis der Gesichter, der schnell wieder vertrauten Stimmen. Befangenheiten, offene Rechnungen und unerfüllte Wünsche, abgebrochene Karrieren und zufriedene Mittelmäßigkeit - wie in einer Versuchsanordnung treibt die kleine geschlossene Gesellschaft auf Reaktionen zu, die niemand erwartet und gewollt hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.06.2002

Petra Kohse findet die Geschichte dieses Romans - es geht um ein Klassentreffen - durchaus spannend und vermutet darin einiges an Potential. Denn heutzutage, meint Kohse, gibt es sonst wenig "soziale Strukturen, deren Verbindlichkeit dazu beitragen könnte, die eigenen Konturen zu schärfen". Insofern biete sich ein Klassentreffen als Vorlage zum Nachdenken oder schlicht als Möglichkeit für ein Generationsporträt an. Doch Kohse findet, dass die Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Essayistin Dorothea Dieckmann wenig daraus gemacht hat. Die Geschichte, die sie hier aus der Ich-Perspektive erzählt, ist nach Meinung der Rezensentin nicht mehr als "selbstbezügliche Detailhuberei" und ein narzisstisches Kreisen um sich selbst. Der Autorin fehle ein ironischer Blick auf ihre Protagonistin, und so habe Dieckmann nicht ein Buch über "Desillusionierung und ein spätes Erwachsenwerden" geschrieben, wie es nach Kohses Einschätzung ihr Anliegen war. Vielmehr ist "trotz des aufklärerischen, trauma-klärenden Gestus nicht mehr als eine selbstverliebte Träumerei dabei herausgekommen", lautet unbeeindruckt das Fazit der Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2002

Beatrix Langner bespricht nicht nur den neuen Roman von Dorothea Dieckmann, sondern untersucht ihn anhand der Kriterien, die Dieckmann in ihrem gleichfalls neu erschienenen Essay "Sprachversagen" für die Literatur aufstellt.
In Dorothea Dieckmanns Roman ist es der Körper, der spricht, schreibt die Rezensentin Beatrix Langner. Dieckmann inszeniere ein Klassentreffen - nach zwanzig Jahren - als "tiefschwarzes Kammerspiel", in dem sich die Identitätsfrage zwischen dem eigenen Körper und dem Blick des Anderen stelle. Wie mit "blitzender Polaroidtechnik" sei dieser "fotorealistische Roman" geschrieben, eine Art literarischer "cinéma vérité". Die Welt jenseits der sichtbaren Körperhülle dagegen - Vergangenheit und deren Reflexion - ist laut Rezensentin "als Abwesenheit" mitgeschrieben. Diese Spannung zwischen dem Außen und dem Innen, so die Rezensentin, realisiert sich in der Artikulation des Verborgenen in der Körpersprache. Doch diese Erzählkunst stehen für die Rezensentin im Gegensatz zu den literaturtheoretischen und -ästhetischen Überlegungen, die Dieckmann in ihrem Essay "Sprachversagen" anstellt. Hier bezeichne Dieckmann die "phraseologische" Literatur als "Pseudoliteratur". Dieckmann wolle das Unsagbare vor den Übergriffen der mediangesellschaftlichen Schamlosigkeit schützen, für Langner eine Art "Literaturreligiosität". Doch irgendetwas schmeckt der Rezensentin nicht an diesem Essay: Dieckmanns Argumentation stehe "schon deshalb auf verlorenem Posten, weil dieses Schweigen selbst eine Metapher ist und den symbolischen Formen angehört, also keine kritische Kategorie ist". Aha. Langners Fazit: Dieckmanns Roman, der "kritisch mit vorgefundenem Sprachmaterial umgeht" und den die Autorin als Umsetzung ihrer Theorie sieht, hebt genau diese "aus den Angeln".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.05.2002

"Wie Familienfeiern sind Klassentreffen eine Zumutung für jeden Außenstehenden", verkündet Rezensentin Meike Fessmann. Umso mehr im Roman. Es sei nicht nur "eine Art Übersetzungsarbeit" nötig, die Bearbeitungsleistung müsse schon enorm sein, damit sich überhaupt jemand dafür interessiere. Nicht zuletzt besteht ein erzähltechnisches Problem, meint Fessmann: Der Erzählstoff Klassentreffen verlangt Vorkenntnisse. Zumindest dieses Problembewusstsein bescheinigt Fessmann der Autorin, doch kann sie mit den Lösungsversuchen nichts anfangen. Woran liegt es, dass der Roman zu einer "Tour de force der Langeweile" gerät?, fragt sie sich und kann mit Antworten aufwarten: Mangelhaft sei die Wahl der Ich-Erzählerin, durch deren verächtliche Brille niemand schauen möchte, und "hemmungslos" die "Ausführlichkeit" des Romans. Gut wird es dort, so Fessmann, wo das Allgemeine ins Typologische getrieben wird, wie zum Beispiel die Grundregel aller Klassentreffen, dass sich nur die Abwesenden der Entzauberung entziehen können. Dass der Roman die Banalität der Institution "Klassentreffen" wiederspiegeln will, bestreitet Fessmann und beruft sich auf einen kürzlich erschienen Essay-Band, in dem Dieckmann das Triviale zur Zielscheibe macht - in einer der Rezensentin sehr unangenehmen, verachtenden Pose. "So viel Überheblichkeit muss man sich leisten können", schreibt sie irritiert.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.05.2002

Zehn Stunden und dreihundert Seiten lang "sperrt" Dorothea Dieckmann ihre Leser mit diesem Roman in eine Gaststätte zwischen Hamburg und Freiburg, um sie dort an einem Klassentreffen teilhaben zu lassen, warnt Reinhard Baumgart. In den zwanzig Jahren nach dem Abitur hat sich diese "Niemandsland"-Generation, die zwischen den 68ern und der Generation Golf angesiedelt sei, nicht gerade zu ihrem Vorteil entwickelt, stellt der Rezensent nüchtern fest. Er bewundert, wie Dieckmann "erzähltechnisch" die Einheit von Ort und Zeit "meistert" und die Regie für sämtliche Figuren dieses Romans sicher in den Händen hält. Und am Ende, verrät Baumgart, entlässt die Autorin den Leser in die "perfekte Trostlosigkeit": Ein "lückenlos brillant durchgeschriebener Roman" findet sein Finale in einem "aschgrauen Showdown". Ohne Zweifel, verkündet der Rezensent, ist Dieckmann eine der "allerbesten" Autorinnen der Gegenwart.
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