Doris Runge ist eine der stillen und um so eindringlicheren Lyrikerinnen dieses Landes. Ihre Sprachbilder brennen sich beim Lesen ein durch höchste Präzision, und zugleich verschwimmen sie, greifen weit aus in die Landschaften, in die Zeiten, beschwören vergangene Mythen in ihrer Gegenwärtigkeit. Dass Alltägliches und Märchenhaftes, bitter Ernstes und Schalkhaftes plötzlich wie selbstverständlich nebeneinander liegen können oder gar miteinander verschmelzen, macht ihre Gedichte so intensiv, so zugänglich wie geheimnisvoll.
in deinen augen
untergehen
ein atemloser
süffiger tod
war es so
so soll es sein
aus der blausten
aller augenfarben
ist sie nicht
wegzudenken
die liebe
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2017
Rezensent Wulf Segebrecht hat sich gern von dem diffusen nordischen Blau in Doris Runges neues Gedichten verzaubern lassen. Der Kritiker staunt hier über Eisblumen am Fenster, beobachtet ein zerstrittenes Paar beim Frühstück, begleitet Runge zum Bäcker oder bei der Gartenarbeit und begegnet zwischen Dünen, Watt und Flut Nordlichtern wie Emil Nolde oder Wilhelm Lehmann. Hinter den vordergründig privaten Sujets der Gedichte vernimmt der Rezensent aber nicht nur politische und kritische Töne über den "höllischen Zustand der Welt", sondern er stellt auch fest, dass der einstige Übermut der Dichterin inzwischen leisen, unaufdringlichen Betrachtungen über Kindheit, Alter und Tod gewichen ist. Der minimalistischen Form ist Runge aber treu geblieben, freut sich der Kritiker, bei dem die virtuosen Verse lange nachhallen.
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