Doris Lessing

Die Kluft

Roman
Cover: Die Kluft
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2007
ISBN 9783455400755
Gebunden, 240 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Barbara Christ. Gibt es eine Welt jenseits von Intrigen, Eifersucht und Rivalität? Doris Lessing kehrt in ihrem Roman zu den Ursprüngen der Menschheit zurück und beschreibt eine mythische Gesellschaft, die tatsächlich frei von all diesen Dingen ist: eine Gesellschaft ohne Männer. Ein alternder römischer Senator sieht sich vor der letzten großen Aufgabe seines Lebens: die Geschichte der menschlichen Schöpfung aufzuschreiben. Er berichtet über eine Gemeinschaft von Frauen, die in einer wilden Küstenlandschaft lebte: Männer kennt man bei dem Volk der "Spalten" nicht, Kinder - allesamt weiblich - werden nach den Zyklen des Mondes zur Welt gebracht. Als eines Tages ein Junge geboren wird, betrachten ihn die Frauen nicht als andersgeschlechtliches Lebewesen, sondern als Missgeburt; kurzerhand überlassen sie ihn dem Tod. Doch dem ersten Jungen folgt ein zweiter, und danach kommen immer mehr. Irgendwann begreift das Volk der Frauen, dass es sich nicht um eine Laune der Natur handeln kann. Von da an ist die Harmonie der Gemeinschaft in Gefahr.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.12.2007

Ziemlich platt findet Rezensentin Petra Kohse Doris Lessings Roman "Kluft". Die Literaturnobelpreisträgerin lässt dort die Menschheit aus weiblichen seehundsartigen Wesen entstehen, den "Spalten", die solange am Strand herumfläzen und sich durch Wind und Wellen selbst vermehren, bis die Launen der Natur ihnen Nachwuchs mit einem "Zapfen" zwischen den Beinen bringen. Dann wird es bunter: Zwar gelingt zunächst der Versuch, sich des männlichen Wesens zu entledigen, aber dann kommen immer mehr Zapfenträger zur Welt und eines Tages werden die von den Adlern geretteten, statt gefressenen Jungs wiederentdeckt - fortan nehmen Lust und Leiden des zweigeschlechtlichen Lebens  ihren Lauf. Die matriarchale Entstehungsgeschichte vortragen darf ein "römischer Senator aus der Zeit Neros". Petra Kohse findet die Story von den mütterlichen "Spalten", den experimentierfreudigen "Zapfen" und der "Kluft" dazwischen ziemlich klischeehaft. Als Auseinandersetzung mit dem Geschlechterkampf sei das ein echter Fehlgriff.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2007

Verwirrt und enttäuscht legt Rezensent Burkhard Müller diesen Roman zur Seite. Es will ihm einfach nicht in den Sinn, worauf die Autorin mit der Geschichte um das rein weibliche Urvolk der "Spalten", denen plötzlich männliche Nachkommen geboren werden, hinaus will. Die These von der Überlegenheit des weiblichen Geschlechts, die in der Vorrede anklingt, hat sich aus seiner Sicht am Ende in Luft aufgelöst, denn die weiblichen Wesen kommen aus ihrer Selbstbezogenheit nicht heraus, während die männlichen den Fortschritt anheizen. Auch für "eine exemplarische Darstellung der Menschwerdung" ist ihm das Ganze zu dürftig. Aus der komplexen zeitlichen Anlage - die Geschichte wird von einem römischen Senator berichtet, der schriftliche Quellen zusammen stückelt, die wiederum mündliche Quellen zitieren - mache die Autorin in diesem "fast geistesabwesend" hin- und herdriftenden Roman "bemerkenswert wenig", bedauert er.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2007

Die frisch gekürte Nobelpreis-Trägerin Doris Lessing bezeichnet Sabine Brandt respektvoll als "literarische Dolmetscherin", als Vermittlerin des Unbekannten. Insofern findet sie auch an diesem Buch Gefallen, das ihr zufolge keine Möglichkeit zur Identifikation bietet, das dafür aber um so mehr Fantastisches bereithält und mit Glauben zu tun hat. Es geht auf eine Insel, auf der nur Frauen leben und geboren werden, bis eines Tages aus unerklärlichen Gründen ein Junge zur Welt kommt. Brandt folgt der von Lessing ausgelegten Spur zu "Wolkenkuckucks-Arealen" und zum Beginn der Menschheitsordnung nicht ohne Skepsis. Die evozierte Szenerie und Spannung allerdings nehmen sie gefangen und führen sie zu einer Wahrheit, die ihr noch heute gültig erscheint.
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