Dieter Wellershoff

Der Himmel ist kein Ort

Roman
Cover: Der Himmel ist kein Ort
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2009
ISBN 9783462041347
Gebunden, 299 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Der Roman beginnt wie ein Krimi und entwickelt sich zu einem figurenreichen Gesellschaftsdrama. Hauptfigur ist ein junger Landpfarrer, der eines Nachts zu einem Unfallort gerufen wird. Ein Auto ist von der Straße abgekommen und in einen See gestürzt. Der Fahrer hat sich gerettet, seine Frau und sein Sohn werden leblos geborgen. Wie das geschehen konnte, ist unklar. Schon bald nimmt das angebliche Unglück unheimliche Züge an. Der Pfarrer hält trotzdem an der Unschuldsvermutung fest und bringt fast alle Gemeindemitglieder gegen sich auf. Das ist der Ausgangspunkt einer sich ausweitenden Sinnkrise. Die Erfahrung einer abgründigen Vieldeutigkeit greift auf immer neue Lebensbereiche über.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.01.2010

Ist Hans-Peter Kunisch zunächst hin und weg von Dieter Wellershoffs jüngstem Roman, so ist seine Enttäuschung über die zweite Hälfte des Buches umso größer. Anfangs preist der Rezensent voller Begeisterung die Geschichte um einen gerade von der Freundin verlassenen Landpfarrer, der als Seelsorger in einen rätselhaften Unfall, der möglicherweise doch ein Mordfall ist, hinzugezogen wird. Kunisch imponiert die eigenwillige Wahl des Helden, er bewundert die Art und Weise, wie der Autor anhand dieses Kriminalfalls vielschichtige Fragen anpackt und wie lebensnah und aktuell ihm die Figuren gelungen sind. Zu seiner vollständigen Überraschung aber wandelt der sich bis zur Mitte von ihm als "brillant" gepriesene Roman vollständig in der zweiten Hälfte, wenn der Pfarrer seine Glaubenskrisen mit einem Vertreter der Landeskirche diskutiert und eine zwanzig Jahre ältere Frau kennen lernt. Jetzt klagt der Rezensent über "formelhafte" Dialoge, in denen das pflichtschuldig abgehandelt wird, was vorher so gelungen in Handlung und Figurenzeichnung gelegt wurde. Am Ende hat Kunisch gar den Eindruck, er hätte zwei Bücher gelesen, von dem ihm aber definitiv nur eines gefallen hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.12.2009

Als "Elegie des Zweifels" und "Abgesang auf jegliche Gewissheit" hat Dieter Hildebrandt dieses "Alterswerk" von Dieter Wellershoff gelesen, dessen Reiz sich ihm allerdings erst auf den zweiten Blick erschlossen hat. Denn auf den ersten Blick erschien Hildebrandt dieser Roman über die tödlichen Irrungen und Wirrungen eine Pfarrers des von ihm als "präzisen" und "klugen" Stilisten so geschätzten Autors zu seiner großen Enttäuschung sehr "betulich". Doch dann spürt er hinter dem Kriminalfall, der sich zum Sündenfall auswächst, nicht allein Stimmen, die in seinen Ohren zu einem "Symposion" zu alten und neuen Glaubensfragen anschwellen. Auch lässt das Buch aus seiner Sicht eine "politische" Lesart zu, nämlich als Plädoyer für eine historische Erfahrung, die sich in Brüchen und Umbrüchen bildet, womit der Autor aus Sicht des Kritikers auf den "karteileichenfleddernden Rigorismus" reagiert, mit dem sich in den letzten Jahren mancher Nachgeborene auf die Grass-Wellershoff-Walser-Generation gestürzt habe, die in den letzten Zügen des NS-Regimes als Jugendliche noch SS- oder NSDAP-Mitglieder geworden seien. Dennoch trübt die Kenntnis früherer Wellershoff-Bücher samt ihres ungleich differenzierteren Reflexionsniveaus für Hildebrandt die Sicht auf dieses jüngste Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2009

Rezensent Jörg Plath findet Dieter Wellershoffs Roman um einen Pfarrer, der in eine große Sinnkrise gerät, zwar gut und solide umgesetzt. Gleichzeitig scheint er sich aber ein bisschen an der Vorhersehbarkeit der Romans und an der auf die wesentlichen Eckpunkte reduzierten Handlung zu stören. Sein etwas zweideutiges Fazit jedenfalls lautet: "Der Roman läuft wie auf Schienen". Trotzdem gibt es auch eindeutiges Lob für das neue Buch des "Altmeisters", der sich in Plaths Wahrnehmung immer mit "Lebenskrisen" beschäftigt und zudem eine wichtige Theoretikerfigur des "psychologischen Realismus" ist. Wellershoffs "Erzählstimme" ist "sicher" und "warm" und bleibt während der ganzen Erzählung "dem Protagonisten nahe".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2009

Lange hat der Autor Dieter Wellershoff gebraucht, um im eigenen Werk die von ihm selbst formulierten Ansprüche an Gegenwartsliteratur auch zu erfüllen, stellt der Rezensent Andreas Kilb fest. Erst mit dem Altersroman "Der Liebeswunsch" sei es ihm gelungen, für den geforderten Realismus jene Form zu finden, in der Literatur zum so beziehungsreichen wie welthaltigen Kunstwerk wird. Im Zentrum des jüngsten Romans, der das Niveau von "Der Liebeswunsch" nach Ansicht von Kilb jedenfalls annähernd erreicht, steht ein Provinzpfarrer im Norddeutschen, der in Beruf und Privatleben in der Krise ist. Geschickt verbinde Wellershoff die Andeutung einer Kriminalgeschichte mit dem Porträt eines Seelenlebens, das sich im Schicksal eines Mannes in zerrütteter Ehe kunstvoll spiegelt. Ausdrücklich lobt Kilb die "Sicherheit und Präzision", mit der Wellershoff stets den richtigen Ton trifft. Nur eine Figur werde vor den Augen des Lesers nie lebendig - ein offenbar eher geringer Makel eines im Ganzen für die Begriffe des Rezensenten sehr gelungenen Romans.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.09.2009

Angetan zeigt sich Rezensent Michael Braun von Dieter Wellershoffs neuem Roman über einen von Glaubenszweifeln gequälten evangelischen Landpfarrer, der von einem rätselhaften Unfall aus der Bahn geworfen wird. Er schätzt den Autor als einen Meister der metaphysischen Leere und als "literarischen Verhängnisforscher", dessen Figuren stets auf fatale, abschüssige Bahnen geraten. "Der Himmel ist kein Ort" ist in seinen Augen ein spannendes, von einem Krimiszenario grundiertes Seelendrama. Besonders die Schilderung einer Begegnung des Pastors mit einer unbekannten Frau, von der er sich eine Wende in seinem Leben erhofft, findet er "verstörend". Wellershoffs "kühler Realismus" hat nach seinem Empfinden allerdings an manchen Stellen etwas "Staub angesetzt". Dennoch lobt er den Roman als ein "packendes Buch über die furchtbare metaphysische Leere, in der unser Entwurf vom Menschsein angelangt ist".
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