Im 19. Jahrhundert stand die Kunst des Liebesbriefs in voller Blüte. Die Briefe sollten jene innigen Gefühle heraufbeschwören, nach denen sich das schicksalhaft getrennte Paar sehnte. Sie beflügelten die Phantasie und bereicherten die Sprache. Dieter Hildebrandt präsentiert in seinem neuen Buch bedeutende Liebesbriefe von Lessing bis Ingeborg Bachmann. Es sind Dokumente der Leidenschaft und der Verzweiflung, des Glücks und der Angst, und es sind Versuche, Raum und Zeit mit aller Kraft zu überwinden, die Schrift und Sprache zur Verfügung stehen. Küsse lassen sich nicht schreiben. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Otto von Bismarck zu solch poetischen Höhenflügen imstande war?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2014
Dieter Hildebrandt hat sich mit "Die Kunst, Küsse zu schreiben" einiges vorgenommen, verrät Renate Stauf, eine Odyssee durch eine "Flut von Papier und anderen Botenstoffen" will er unternehmen und eine Geschichte der Liebesbriefe schreiben, zu denen für den Autor der Apfel im Paradies, der mittelalterliche Minnesang und die Sonette Shakespeares genauso gehören wie eben der klassische Brief, erklärt die Rezensentin. In ihren Gemeinsamkeiten drückt sich für Hildebrandt die "Ungeschichtlichkeit der Liebe" aus, die sich nur durch verschiedene Konventionen unterscheiden, so Stauf, und schon immer stellte sich das Problem, wie der unmittelbare, individuelle Ausdruck der Gefühle sich den jeweiligen Konventionen widersetzen könnte. Das ist ganz schön viel auf einmal, findet die Rezensentin. Immerhin tauchen bei Hildebrandt zahlreiche Fragen auf, über die weiter nachzudenken sich lohne, meint Stauf, die aber weiterhin auf eine historisch-systematische Geschichte des Liebesbriefs hofft.
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