Aus dem Amerikanischen von Harald Stadler. Damion Searls Mischung aus Biografie und Kulturgeschichte, basierend auf unveröffentlichten Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und einen Fundus von bisher nicht bekannten Interviews mit Familie, Freunden und Kollegen, erzählt zum ersten Mal die Geschichte Hermann Rorschachs und seines emblematischen Tests. Rorschach, ein Schüler C.G. Jungs, arbeitet in einer abgelegenen Klinik in den Schweizer Bergen als Psychiater, ist aber auch interessiert an den aktuellen künstlerischen Bewegungen seiner Zeit. Er ist davon überzeugt, was uns ausmacht, ist weniger, was wir sagen, sondern was wir sehen. 1917 entwickelt er, basierend auf dieser Annahme einen Test: einen Satz von zehn sorgfältig gestalteten Tintenklecksbildern, um die Persönlichkeit des Betrachters auszuloten. Rorschach starb im Alter von nur 37 Jahren - den weltweiten Siegeszug seines Tests hat er nicht mehr erlebt. Nach Pearl Harbour wurde der Rorschach-Test als Eignungstest für die US-Army eingeführt, in den Nürnberger Prozessen ebenso angewandt wie im Dschungel von Vietnam. Nicht unumstritten wird er bis heute in vielen Ländern eingesetzt. Auch kulturell hat der Test seine Spuren hinterlassen: Ob Werbung, Hollywoodfilm oder Andy Warhol - an dem ikonenhaften Test kam niemand vorbei.
Mit Bewunderung schon alleine für die Ausführlichkeit bespricht Ronald Düker das Buch Damian Searls -ein Drittel ist der Biografie des schon mit Mitte Dreißig verstorbenen Hermann Rorschach gewidmet. Auf die vielfältige Geschichte des dann von emigrierten Berufskollegen aus der Schweiz in die USA verbrachten Tests hat Düker sich dann aber gerne eingelassen. Offenbar sei der Erfolg des Tests mit seinem Pragmatismus erklärbar, so meint er, denn er sei in den Personalabteilungen von Armee und Unternehmen ebenso benutzt worden wie von realen Psychiatern und solchen, die in Filmen Verbrechen aufzuklären halfen. Die Analyse von Hermann Göhrings Reaktion auf die Vorlage seines Tests in Nürnberg - ein Wegschnipsen roter Flecken als Verleugnung des Holocaust - lässt den Rezensenten am Ende allerdings doch eher an den wissenschaftlichen Grundlagen zweifeln.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2019
Rezensentin Manuela Lenzen liest spannende Wissenschaftsgeschichte im Verein mit Zeitgeschichte mit Damion Searls Doppelbiografie des Rorschachtests und seines Erfinders. Aufregend findet sie die Passagen, die den Leser in die Aufbruchszeit der Psychologie zurückführen, bedenkenswert die Warnung des Autors, den legendären Test mit Vorsicht zu genießen, weil seine Geschichte auch von der Hybris des Menschen erzählt, die eigene Psyche durchleuchten zu können. Was im Buch fehlt: ein Kapitel über die Geschichte des Tests in Deutschland, findet Lenzen.
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