Zwei Bände. Dieses kritische Vokabular durchleuchtet die rasante Verbreitung der Rhetorik vom "gesellschaftlichen Zusammenhalt" in verschiedenen gesellschaftlichen Praxis- und Konfliktfeldern. Ließe sich die politische und mediale Rhetorik der Bundesrepublik des vergangenen Jahrzehntes auf eine Sehnsuchtsformel bringen, es wäre die des "gesellschaftlichen Zusammenhalts". In der modernen Gesellschaft hatte der Bewegungsbegriff des Fortschritts das Versprechen ökonomischen Wohlstands, technologischer Entwicklung und politischer Emanzipation gebündelt. Die Rede vom "Zusammenhalt" evoziert dagegen eher Bewahren als Modernisieren, eher Nostalgie als Utopie, eher Immobilisierung als Bewegung. Damit steht sie auch einem lange vorherrschenden Globalisierungsdiskurs entgegen. Für ihn waren Verkettungen und Ungleichzeitigkeiten, war die Überschreitung von Grenzen und Zugehörigkeiten prägend. Es ist vor allem die bürgerliche Mitte, die als Folge einer wahrgenommenen gesellschaftlichen Desintegration an den Zusammenhalt appelliert. In antihegemonialen Diskursen und sozialen Bewegungen firmiert er selten als gesellschaftspolitisch erstrebenswerter Bezugspunkt. In diesem kritischen Vokabular wird die rasante Verbreitung des "Zusammenhalts" in verschiedenen Praxisfeldern nachgezeichnet und durchleuchtet. Durch marginale, konflikthafte und in alltäglichen Praktiken situierte Begriffe wird die hegemoniale Rede vom Zusammenhalt dabei vorzugsweise von den Rändern her erschlossen und dezentriert.Die Publikation entstand im Rahmen des Forschungsinstituts gesellschaftlicher Zusammenhalt an der Universität Konstanz.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 13.02.2026
Rezensent Christian Schüle liest den von Anna Pollmann und Christopher Möllmann herausgegebenen Doppelband als "intellektuellen Glücksfall" und "Triumph über den Kleingeist". Auch wenn die 55 AutorInnen kein Kompendium vorlegen, sondern eher Anregung verschaffen, aber tüchtig, bleibt Schüle immer wieder bei überraschenden Schlüsselbegriffen mit Konfliktpotenzial und ihrer Geschichte hängen. Tierwohl etwa, Eigenheim oder Schulbuch. Zwar bieten die Beiträge "geschichtssensible" genealogische, kultur- oder politikwissenschaftliche Ansätze, doch spürt Schüle auch mitunter eine Voreingenommenheit, etwa wenn eine Klimaaktivistin ausgerechnet zum Thema "Kohleausstieg" schreibt. Insgesamt ein echtes Lektüreabenteuer, das trotz seines Umfangs nicht müde macht, findet Schüle.
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