Der Warschauer Kniefall Willy Brandts gilt als Ikone des öffentlichen Gedächtnisses. Er wurde jedoch erst zu einem solchen Symbol, nachdem das außerordentliche Ereignis von der Presse ex post in ein Geflecht narrativer Figuren eingebettet wurde, deren kultureller Ursprung hauptsächlich in der christlichen Religion zu finden ist. Das Symbol entstand im Text. Der Prozess der Symbolgenerierung beruht damit auf einer Wechselseitigkeit von Performanz und Narrativität, und erst das Ineinandergreifen dieser beiden kommunikativen Ressourcen produzierte das charismatische Identitätszeichen.
Mit viel Lob versieht Rezensent Claus Leggewie diese mit allen soziologischen Wassern gewaschene Studie, die seinen Informationen zufolge aus einer Dissertation hervorgegangen ist. Christoph Schneider gehe darin der Frage nach, wie Willy Brandts legendärer Warschauer Kniefall zum nationalen Symbol werden konnte. In seiner Analyse ziehe der Konstanzer Soziologe sämtliche Register seines Faches, weshalb der Rezensent auch von "schwerer Kost" spricht und Zweifel anmeldet, ob ihm jeder Leser auf dieses hohe Niveau werde folgen können. Dass es sich aber überaus lohnt, Schneiders Refelexionsgipfel zu erklimmen, ist für Leggewie dagegen vollkommen zweifelsfrei. Besonders interessant findet der Rezensent Schneiders Interpretationen von Bildern des Kniefalls (mit der Schneider für ihn in der ansonsten "bildabstinenten" Soziologie außerdem Neuland betritt), sowie seine Rekonstruktion einer "bewussten oder verdrucksten Christianisierung" des Holocaust-Gedenkens, in die Schneider auch die Ikonografie dieser Demutsgeste eingeordnet wissen will.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 30.05.2006
Gemischte Gefühle hat Christoph Schneiders ins Detail gehende Untersuchung von Willy Brandts Warschauer Kniefall bei Rezensentin Katharina Rutschky ausgelöst. Sie bescheinigt dem Autor, detailliert nachzuweisen, wie diese Geste Brandts zur "Ikone des öffentlichen Gedächtnisses" geworden ist, und hebt dabei den interdisziplinären Ansatz Schneiders hervor, der alles einbeziehe, was Soziologen, Anthropologen und Philosophen, Literaten und Literaturwissenschaftler beizusteuern haben. Andererseits hält sie Schneider vor, mit einem Übermaß an Theorie und wortreichen Erläuterungen das Ereignis selbst zu überlagern. Die akademische Beschäftigung mit der Materie wird zum eigentlichen Thema. Und letztlich kann sich Rutschky nicht des Eindrucks erwehren, dass bei Schneider die Wirklichkeit der Theorie zu genügen hat und nicht umgekehrt.
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