Erinnerungen sind Reisen in die Vergangenheit, auf denen das Vergangene im Handumdrehen zur Gegenwart wird, oder mit Novalis: "Alle Erinnerung ist Gegenwart". Christian Kiening begibt sich auf eine solche Reise. In 17 Kapiteln zeichnet er die Wege zweier Generationen nach, die sich mit Kriegen, Verfolgung, Flucht, Gefangenschaft und Neubeginn konfrontiert sahen. Spuren einer Kindheit am fränkischen Main, ein Leben im besetzten Polen, das München nach 1945: Aus Fragmenten und spärlichen Überresten - Formularen, Aufzeichnungen, Dokumenten - entsteht die poetische Geschichte einer Familie, die zwischen Pragmatismus und Schwärmerei, Träumen und Sehnsüchten ihr gefährdetes Dasein gestaltet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.07.2018
Magnus Rust liest die persönlichen, auf Fotos, Briefe, Zeitungsartikel, Schulaufsätze u.v.m. gestützte Erinnerung an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts von Christian Kiening mit gemischten Gefühlen. Dass die Wahrheit bei so einem Unterfangen eine subjektive Sache ist, muss ihm der Autor nicht extra erklären. Weil der Autor letztlich aber zu viele Versatzstücke mit Spielfilmimpressionen, Hölderlin-Zitaten, Sätzen der Brüder Grimm u.a. mischt, gerät der Rezensent beim Lesen mehr als einmal ins Stocken, wobei der Erkenntnisgewinn nicht immer zunimmt. Am besten gefällt Rust der Text noch in seinen literarischen Passagen, wenn der Autor die Geschichtsreflexion hinter sich lässt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.04.2018
Manuel Müller überlegt, wozu ein weiteres Buch über Kaiserzeit, Weimarer Zeit und Drittes Reich nötig sein sollte. Christian Kienings Ansatz, die eigene Familiengeschichte dreier Generationen mit dem Historischen, das Kleine, mit dem Großen zu verbinden, um so über das Erinnern und das Reflektieren darüber zu schreiben, scheint ihm allerdings einzuleuchten. Das Buch, laut Müller nicht unbedingt ein Roman, sondern halb Aufzeichnung, halb Fiktion, ein Mosaik deutscher Zeitgeschichte, entwickelt seinen eigenen Sog, versichert er.
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