Bora Cosic

Die Tutoren

Roman
Cover: Die Tutoren
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2015
ISBN 9783895615870
Gebunden, 792 Seiten, 39,95 EUR

Klappentext

Mit einem Nachwort des Autors. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Was für Irland Joyces "Ulysses", ist für Serbien "Die Tutoren": ein avantgardistisches, fast unübersetzbares Meisterwerk voller Wortspiele und Stilbrüche, ein experimentelles Labor der Sprache - aber dabei hochkomisch! Im Mittelpunkt steht eine in Slawonien angesiedelte Familienchronik, die auf vielfältige Weise erzählt wird: anhand einer Rauferei in einer Kneipe, in Form eines Lexikons oder als Beratungsgespräch in einer Buchhandlung. Dabei hat der Erzähler als leidenschaftlicher Sammler kurioser Phänomene ein besonderes Augenmerk für Alltagsdinge. Bora Ćosić, der während der Entstehung der "Tutoren" mit Veröffentlichungsverbot belegt war, bietet alles auf, womit sich nationalistische Mythen und Ideologien jeglicher Couleur lächerlich machen lassen: Ausgehend von einem rebellischen orthodoxen Priester des 19. Jahrhunderts über tatkräftige unternehmerische Frauen bis hin zu einem namenlosen Autor spannt er einen Bogen über 150 Jahre europäischer Geschichte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.01.2016

Jörg Magenau liest Bora Cosics Monumentalroman in eigentlich unmöglicher Übersetzung und mit großem Vergnügen. Sein Dank geht an die Übersetzerin Brigitte Döbert, die laut Magenau die Vielstimmigkeit und den Wortwitz des Textes souverän übertragen hat. Das ist wichtig, da der logos Ausgangspunkt und Zentrum des Textes ist, wie der Rezensent feststellt, und das Nebeneinander der Sprachen und Kulturen des Vielvölkerstaates, in dem Cosic seine 200 Jahre umfassende Familiengeschichte ansiedelt, abbildet. Einkaufslisten, Firmenverzeichnisse und Kochbucheinträge stehen hier neben Volksliedern, Geschwätz und Briefen, neben Bibelzitaten und Redewendungen, erklärt Magenau. Dass ihm Handlung oder psychologisch fassbare Charaktere im Buch gefehlt hätten, kann er nicht behaupten. Der Tagesablauf eines Mannes in seiner dörflichen Welt von 1828 wird für ihn immerhin sichtbar und darüber hinaus so viel, dass er von diesem Buch als von einem großen europäischen Roman sprechen möchte.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2016

Rezensentin Sabine Berking versucht gar nicht erst, den Figuren in Bora Cosics bisher als unübersetzbar geltendem Opus magnum aus den 70ern großartig Bedeutung beizumessen. Der Protagonist ist die Sprache, findet sie schnell heraus. Und was für einer! In Form von wilden, skurrilen Wortkaskaden, Rezepten, Listen, Buchtiteln, Platitüden und gereimten Endzeitmonologen begegnet er der überwältigten Rezensentin. Hut ab vor der Übersetzerin Brigitte Döbert, meint sie. Und Vorhang auf für eine polyphone Familiensaga über 150 Jahre europäischer Geschichte, humorvoll, modern, prophetisch!
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.10.2015

Mitten in die Sprachhölle des Balkans gerät Doris Akrap mit diesem Jahrhunderttext von Bora Cosic in der Übersetzung von Brigitte Döbert. Was ihr Autor und Übersetzerin hier zumuten, erscheint Akrap zunächst wie ein endloses Twittergeplapper, trivial und ohne Punkt und Komma, Listen, Namens- und Einkaufslisten, dazu Weisheiten, Buchtitel und "Gequatsche" über Politik, Revolution, Familie, Kunst und Liebe, 800 Seiten lang. Das nervt die Rezensentin, aber es fasziniert und belustigt sie auch. Das Buch jedenfalls kann sie nicht weglegen. Auch wenn sie bei dem Versuch, aus alldem eine Geschichte zu destillieren, scheitert. Dass Cosic sein der Rezensentin wie die Literarisierung poststrukturalistischer Theorien anmutendes Riesenpalaver von einer Familienchronik just in dem Moment verfasste, als man seine Texte im sozialistischen Jugoslawien verbot, gibt dem Buch für Akrap allerdings auch eine ernsthafte, eine bedrückende Note.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 17.10.2015

Herbert Wiesner freut sich, dass der Autor Bora Cosic mit diesem Buch die Schlacht gegen die Zensur seines Landes endgültig gewonnen hat. Clownesk und geschwätzig im besten Sinn erscheint ihm der Roman, in dem der Autor nicht nur die Geschichte seiner Familie anhand ausgewählter Charaktere erzählt, sondern laut Rezensent auch grandiose Sprachkritik und Sprachbereicherung betreibt, indem er das Floskelhafte und Vorgestanzte der Tito-Ära mit Genuss zerlegt, seziert und neu zusammenfügt und benutzt. Was sich aus Sprachmüll machen lässt, erfährt Wiesner eindrucksvoll bei Cosic und seiner laut Wiesner kongenialen Übersetzerin Brigitte Döbert. Ein Zeitbild Belgrads und den Beweis, wie lebendig und überlebenswichtig Literatur sein kann, bekommt er mitgeliefert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.09.2015

Karl-Markus Gauss dankt dem Schöffling Verlag von Herzen, das Wagnis eingegangen zu sein, diesen unbekannten Klassiker des 20. Jahrhunderts von Bora Cosic übersetzen zu lassen. Die Übersetzung von Brigitte Döbert ist laut Gauss nicht nur gelungen, sie eröffnet der Leserin auch ein polymorphes und polyphones Abenteuer sondergleichen, versichert der Rezensent. 150 Jahre Familiengeschichte aus Slawonien, die ohne literaturwissenschaftliche Hilfe eigentlich inkomensurabel sind, wie Gauss einräumt, derart vielfältig sind die Stil- und Sprachebenen, Parodien, Wortspiele, Neologismen, Anspielungen und Verweise und seitenweisen Listen mit mehr oder weniger unwichtigen Dingen wie Warenpreisen, Zeitschriftentiteln oder Sprichwörtern. Als eigentliche Helden (inmitten des tatsächlich zahlreichen Personals) dieses achronologischen, derben, vulgären, anarchischen, rasanten, weitschweifigen Riesenroman, in dem Erhabenes und Banales gleichwertig nebeneinanderstehen, macht Gauss Zeit und Sprache aus.
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