Chris Ware

Jimmy Corrigan - Der klügste Junge der Welt

Cover: Jimmy Corrigan - Der klügste Junge der Welt
Reprodukt Verlag, Berlin 2013
ISBN 9783938511121
Gebunden, 384 Seiten, 39,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders und Tina Hohl. Jimmy Corrigan ist ein linkischer und dauerkränkelnder Enddreißiger, der ein Dasein als unauffälliger Büroangestellter fristet. Sein soziales Leben beschränkt sich auf die täglichen Kontrollanrufe der Mutter und findet ansonsten in seinen tagträumerischen Heldenfantasien statt. Ein Brief seines Vaters, der nach jahrzehntelanger Abwesenheit die Beziehung wiederbeleben möchte, reißt ihn schließlich aus seinem lethargischen Alltag heraus. Auf nahezu 400 Seiten breitet Chris Ware die generationenübergreifende Geschichte der Familie Corrigan aus, die bis ins Chicaga des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.04.2013

Rezensentin Katja Lüthge zollt ihren Respekt vor der verlegerischen Herausforderung, die eine auf allen Ebenen adäquate Ausgabe von Chris Wares im Original bereits vor 10 Jahren erschienener Comic-Erzählung über einen sozial isolierten Mitt-Dreißiger und dessen mangelnde Befähigung, "das monadische Ich in Richtung eines anderen zu öffnen", darstellt. Noch mehr begeistert sie aber die obsessive Feinarbeit des Comicautors, den sie in der Figur des Jimmy Corrigan zumindest umrisshaft wiedererkennt: Nicht nur schafft Ware eine beeindruckend triste Innenwelt (den Humor drängt er buchstäblich an den Seitenrand, beobachtet die Rezensentin), dies gelingt ihm auch auf formal herausragende Weise: Wie am Computer entstanden wirkt die komplexe Seiten- und Bildarchitektur dieses Werks, doch handelt es sich um akribisch-säuberliche Handarbeit, informiert Lüthge ihre staunenden Leser.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.04.2013

Christian Gasser freut sich sehr über Chis Wares Graphic Novel "Jimmy Corrigann, der klügste Junge der Welt", nur die dreizehn Jahre Verspätung hätten nicht unbedingt sein müssen, findet er. Der Autor selbst findet den Plot langweilig und Christian Gasser muss ihm zustimmen, oberflächlich betrachtet habe er recht: Jimmy ist bei seiner Mutter aufgewachsen, der Vater hatte sie kurz nach der Geburt sitzen lassen. Eines Tages meldet sich der Erzeuger aus heiterem Himmel und lädt Jimmy für Thanksgiving zu sich ein. Die beiden treffen sich und finden nicht recht zueinander, dafür lernt Jimmy seine Halbschwester kennen, fasst der Rezensent zusammen. Unter der Oberfläche, da brodelt es, verspricht Gasser: Ware erzähle, was in Filmen häufig nur zwischen den Einstellungen stattfindet, das Schweigen, die Isolation, die Fremdheit, und er berichtet aus eigener Erfahrung. Es ist kein Zufall, weiß der Rezensent, dass sein Protagonist ihm ähnlich sieht, auch Ware ist ohne Vater aufgewachsen und bekam irgendwann besagten Anruf. Mit seiner Graphic Novel hat er einen entscheidenden Beitrag geleistet, um Comics als ernstzunehmendes literarisches Genre zu etablieren, und der Rezensent hofft, dass sie auch hierzulande ihre Wellen schlägt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.03.2013

Christian Schlüter kann es nicht fassen, dass es zehn Jahre gedauert hat, bis dieses international von Preisen überhäufte "Comic-Monument" endlich auch in Deutschland ankommt. Dass es sich um anspruchsvollste Kost handelt, will der Rezensent seinen Lesern nicht verschweigen: Um sich die komplex verschachtelte Geschichte mit "verschiedenen Möglichkeitsräumen und Wirklichkeitsebenen" zu erschließen, muss man manches Rätsel lösen, erfahren wir. Und auch, dass die Komplexität - trotz sehr planer Anordnung des Geschehens und Wares Vorliebe für einfache geometrische Figuren als Stilprinzip - vor Ästhetik und Seitenarchitektur keinen Halt macht. Eine Verschmelzung von Avantgarde und Comicunterhaltung, die Schlüter mit der Zunge schnalzen lässt: Alles an diesem Comic findet er faszinierend und sogar majestätisch, also kurz: die Mühe unbedingt wert, zumal der Comicverlag Reprodukt das Werk auch in einer handwerklich mustergültigen Übertragung vorgelegt hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.03.2013

Chris Wares Graphic Novel "Jimmy Corrigan" ist besser als gut, meint Thomas von Steinaecker, sie ist ein Meilenstein. Mit dieser Graphic Novel begründete Ware um die Jahrtausendwende seinen gewaltigen Einfluss, neben Charles Burns ("Black Hole") und Dan Clowes ("Ghost World") war Ware stilprägend für die gegenwärtige Generation von Comickünstlern rund um die Welt, offenbart sich der Rezensent als Fan. Schon visuell überzeugt das Buch Steinaecker, besonders hebt er aber hervor, dass die Optik bei Ware keine lasche Geschichte kaschiert. Inhaltlich braucht er auch den Vergleich mit Autoren vom Kaliber eines Jonathan Franzen nicht zu scheuen, verspricht der Rezensent, denn beide hätten eine komplexe Studie ihrer Gesellschaft verfasst, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Mit zahlreichen Anspielungen auf unterschiedlichsten Ebenen, auf die "weiße" Norm innerhalb der US-Gesellschaft oder trügerische Wissensstrukturen ganz allgemein, liefert "Jimmy Corrigan" wohl Stoff für einige Doktorarbeiten, mutmaßt Steinaecker.
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