Chris Kraus

Das kalte Blut

Roman
Cover: Das kalte Blut
Diogenes Verlag, Zürich 2017
ISBN 9783257069730
Gebunden, 1200 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen. Die Geschichte der Solms ist auch die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: des Untergangs einer alten Welt und die Erstehung eines unheimlichen Phönix aus der Asche.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2017

Was wie eine "muntere baltische Kempowskiade" mit geschickt verknüpften Familiengeschichten, griechischen Mythen, jiddischen Sprichwörtern, "launigen" Anekdoten und kuriosen Figuren beginnt, ist bald nur noch so "fröhlich wie ein Furz", klagt Rezensent Martin Halter nach der Lektüre von Chris Kraus' Cinemascope-Roman "Das kalte Blut". Zwar erfährt der Kritiker in der auf mehrere Jahrzehnte angelegten Geschichte um die beiden Nazi-Brüder Hubsi und Koja, die eine inzestuöse Dreiecksbeziehung mit ihrer jüdischen, nach dem Krieg als Nazi-Jägerin durch die Welt reisenden Halbschwester Evi eingehen, einiges über BND-Skandale, die Affären um Globke und Dreher oder die Jagd nach Eichmann, Klaus Barbie und Alois Brunner. Doch lässt der Autor sein zum Roman aufgeplustertes Drehbuch bald zu einer allzu kalkulierten Mischung aus "Agentenklamotte" und "krachledernem Bauerntheater" verkommen, ärgert sich der Kritiker, dem auch der "aufgekratzte Pulp-Fiction-Ton" ziemlich auf die Nerven geht.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.05.2017

Rezensent Cornelius Wüllenkemper zieht Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" Chris Kraus' neuem Buch vor. Die historische Fiktion über den Schrecken des 20. Jahrhunderts gelingt Littell einfach viel besser, meint der Rezensent. Wie Kraus hingegen seine zwischen Bolschewisten, Faschisten und Kommunisten spielende Gewalt- und Geheimdienstgeschichte über die Geschichte zweier Brüder vermittelt, stellt Wüllenkemper die Haare auf. Einmal wegen der Drastik der Schilderungen, zum anderen, weil Kraus offenbar dazu nicht viel mehr einfällt, als hölzerne Figuren, die dem Schema gut oder böse gehorchen, der grandiose Verzicht auf literarische Stilmittel und ein schludriger Plot, der auf Gewaltexzesse setzt, wie der Rezensent erläutert.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 18.03.2017

Chris Kraus' auf vier Bände angelegter Roman "Das kalte Blut" ist eine "Zumutung", fällt Rezensent Fabian Wolff sein vernichtendes Urteil. Und das liegt leider nicht primär daran, dass der vor allem als Regisseur bekannte Kraus hier geradewegs in den "brackigen Schlamm" des deutschen Unterbewusstseins eintaucht, fährt der Kritiker fort. Denn die historisch ausschweifend erzählte und mit Elementen der eigenen Familienbiografie angereicherte Geschichte um eine deutschbaltische Familie, deren Mitglieder unter den Nazis Karriere machen, die sie nach dem Krieg nahtlos im BND fortsetzen, steckt voller Klischees, bemängelt der Rezensent. Mehr noch: Wenn Kraus die Verbrechen seiner Protagonisten mit Liebe rechtfertigt, die "müde" Formel beschwört, jeder könne zum Mörder werden und statt auf Verantwortung lieber auf zahlreiche Sexszenen setzt, erscheint Wolff das Thema an den Autor "verschwendet". Dass der Roman trotz der bei Esterhazy (ergänzende Klammern) oder Heidegger (Bindestrich-Konstruktionen) geborgten sprachlichen Kniffe auch formal nicht überzeugt und Kraus seine "Spionage-Schnurre" mit verbissenem Übereifer ziemlich ächzen lässt, macht es für den Kritiker leider nicht besser.