Ins Holz gehen

Kampa Verlag, Zürich 2024
ISBN
9783311101192
Gebunden, 112 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Aus dem Italienischen von Marina Galli. Von einem abgelegenen Schlag am bewaldeten Hang des Monte Berignone erhofft sich der frisch verwitwete Holzfäller Guglielmo ein gutes Geschäft. Er lässt seine zwei kleinen Töchter den Herbst und Winter über in der Obhut seiner Schwester zurück, um das Waldstück, mehrere Stunden Fußmarsch von der nächsten Siedlung entfernt, abzuholzen, gemeinsam mit seinen Männern: dem alles andere als umgänglichen, aber erfahrenen Fiore, dem alten Francesco, der als Arbeiter wenig taugt, aber immer etwas zu erzählen hat, dem freundlich farblosen Amedeo und Germano, gerade erst zwanzig Jahre alt, einem jugendlichen Charmeur und Angeber. Den fünf Männern steht zähe Arbeit in der Einsamkeit bevor, kalte Abende am Feuer mit nichts als Geschichten aus dem Krieg oder aus der Phantasie, unzähligen Zigaretten, dem endlosen Kartenspiel - und vielen Stunden der Stille. Immer wieder kehren Guglielmos Gedanken zu seiner Ehefrau Rosa zurück, die überraschend und viel zu jung verstorben ist. In der Abgeschiedenheit des toskanischen Waldes muss er sich der Trauer um diesen Verlust stellen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2024
Eine schöne Wiederentdeckung ist diese Erzählung Carlo Cassolas für Rezensentin Christiane Pöhlmann. Das ursprünglich 1955 erschienene Buch spielt in der Zwischenkriegszeit der 1930er, erfahren wir, wobei der italienische Faschismus in dieser Geschichte nur am Rande auftaucht, in der sich alles aufs Holzfällen, auf das Suchen nach Worten und auf existentiellen Schmerz reduziert. Es passiert also nicht viel, fast Pöhlmann zusammen, die Hauptfigur ist Guglielmo, ein Witwer, der, eben, Bäume fällt und einen Mitarbeiter anstellt, der nicht allzu gut arbeitet, aber dafür Geschichten zu erzählen weiß. Diese Geschichten werden zu einem Trost für den Witwer, erfahren wir. Auch wenn die Erzählung Parallelen zu Cassolas eigenem Leben enthält, hat sie nichts mit Autofiktion am Hut, sondern zielt auf Verallgemeinerbares, stellt Pöhlmann klar. Die Rezensentin hat insgesamt viel Freude mit diesem Werk des oft als Schmonzettenschreiber verspotteten Cassola.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.09.2024
Den "existenziellen Einschnitt", den Carlo Cassola in seinem Leben erfuhr, bevor er 1949 diesen Roman veröffentlichte, spürt man auch in seiner Literatur, stellt Roman Bucheli fest. Der zutiefst getroffene Autor verbirgt sich hinter der schweigsamen Figur Guglielmo, der sich, von der Trauer stumm gemacht, einer Gruppe Holzfäller schließt, die in den Tiefen des toskanischen Waldes ihrer Arbeit nachgehen. Die Stille ist allgegenwärtig in dieser Erzählung, so Bucheli, der das Buch sehr gern gelesen hat. Schnörkellose Sprache und "aufreizende ereignislosen Langsamkeit" zeichnet Cassolas Geschichte aus, die die "knorrigen" Männer in der Abgeschiedenheit der winterlichen Waldeinsamkeit zeigt - arbeitend, sitzend, schweigend. Bucheli kann diesem Roman sehr viel abgewinnen, der außerdem die geschichtliche Zäsur zwischen den Kriegen verarbeitet, denn unter den Holzfällern sind sowohl solche, die noch die Schrecken der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs verarbeiten als auch solche, denen jene des Zweiten noch bevorstehen.