Bruno Latour

Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft

Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie.
Cover: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518584880
Gebunden, 488 Seiten, 32,80 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Gustav Roßler. "Man muss die Gesellschaft verändern" diese Parole aus alter Zeit ist nach wie vor aktuell, denn die Gesellschaft, in der wir leben, ist voller Härte und Zumutungen. Aber um diese Veränderung zu ermöglichen, sollte man vielleicht erst einmal versuchen, den Begriff "Gesellschaft" zu verändern. Heute läßt sich ein immer größeres Auseinanderklaffen der Praxis der Soziologie, der Theorie der Politik und des Glaubens an die Idee der Gesellschaft beobachten. Um einen Ausweg aus dieser Krise zu finden, sollte, so die provokative These dieses Buchs, diese Spannung bis zum äußersten ausgereizt werden. Bruno Latour, der die etablierten Grenzen zwischen Wissenschaft, Kultur, Technik und Natur eingerissen hat, schlägt vor, zwei unterschiedliche Konzepte von Gesellschaft zu unterscheiden. Der einen Auffassung zufolge ist "Gesellschaft" eine unveränderliche abstrakte Entität, die ihren Schatten auf andere Bereiche wirft: auf die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft etc. Nach der anderen hingegen ist "Gesellschaft" notwendig instabil: eine Verbindung überraschender Akteure, die die einlullende Gewissheit, einer gemeinsamen Welt anzugehören, in Frage stellen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2007

Ein großer Wurf scheint Rezensent Dirk Baecker dieses Plädoyer für eine "neue Soziologie" von Bruno Latour. Die Lektüre hinterlässt bei ihm den Eindruck, die Soziologie sei "schon lange" nicht mehr "so sehr bei der Sache" gewesen wie hier. Dass sich das Werk polemisch vom akademischen Normalbetrieb abgrenzt, nimmt er dem Autor nicht weiter übel, teilt er doch dessen Skepsis gegenüber einer Soziologie, der es vor allem darum geht, mit dem bewährten Arsenal an Begriffen und Methoden, den nächsten Gegenstand einzufangen. Demgegenüber geht es Latours Soziologie nach Ansicht Baeckers darum, "den unterschiedlichsten Spuren zu folgen, mit denen der Gegenstand sich in der Praxis seiner Selbstherstellung finden und verfolgen lässt". Deutlich werden für ihn eine Reihe von Faktoren der Unbestimmtheit, die dabei zu beachten sind, etwa dass wir es immer mit Prozessen der Gruppenbildung zu tun hätten, nie mit bereits fertigen Gruppen. Baecker sieht Latour in Einklang mit dem, was Niklas Luhmann mit der Systemtheorie vorhatte, was seines Erachtens freilich nicht gegen das Buch spricht, sondern eher seine Bedeutung unterstreicht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.12.2007

Besonders befriedigend findet Rezensent Harry Nutt nicht, wie sich der Wissenschafts- und Techniksoziologe Bruno Latour mit den losen Enden seiner wissenschaftlichen Disziplin befasst. Zwar ist der Ansatz, die "soziologischen Unbestimmtheiten" neu zu ordnen und den Verhärtungstendenzen innerhalb der Soziologie entgegenzuwirken, nach Nutts Meinung durchaus lobenswert. Doch sieht der Rezensent diesen Anspruch nicht unbedingt eingelöst. Die Theoriebildung kommt seiner Meinung nach überhaupt nicht in Fahrt, und er ertappte sich "bei der gereizten Frage", ob die Fragestellungen auch nur im Ansatz beantwortet werden. Dass das Buch mehr verspricht als es hält, liegt nicht nur an dem unglücklich übersetzten Titel. Im englischen Originatitel - "Reassembling The Social" - ist allerdings wenigstens weniger Selbstüberschätzung im Spiel.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.11.2007

Der Respekt des Rezensenten vor der sprachmächtigen Skepsis des Autors gegenüber herkömmlichen soziologischen Erklärungsmustern ist Uwe Justus Wenzels Besprechung anzumerken. Für Latour besteht das Soziale, so erfahren wir, nicht nur aus "menschlichen Entitäten", sondern auch dinglichen oder abstrakten, ein neues Impfmittel etwa, eine politische Bewegung oder die Entdeckung eines Planetensystems, wie Wenzel aufführt. Allerdings kommt es Wenzel mitunter vor, als handhabe Bruno Latour seine Propädeutik in die "Akteur-Netzwerk-Theorie" wie einen komplizierten Chemiebaukasten, um den Effekt der Auflösung des Sozialen rüberzubringen und die "neue Soziologie" zu etablieren. Die soziologische Feldforschung a la Latour macht Wenzel dennoch Freude.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.11.2007

Bruno Latours "neue Soziologie" erweist sich als fulminanter Angriff auf die Vorstellung einer fest gefügten Gesellschaft und skizziert stattdessen das Bild einer sozialen Wirklichkeit, die aus lauter Netzwerke bildenden Individuen besteht, konstatiert Ludger Heidbrink. Eindringlich rät der Rezensent davon ab, Latours Buch tatsächlich als "Einführung" zu lesen, wie es der Untertitel vorschlägt, denn der Autor pflege eine am Dekonstruktivismus geschulte, mitunter undeutliche und zum Teil sehr mühsame Schreibweise. Trotzdem ringt es Heidbrink einigen Respekt ab, wie energisch der französische Autor um eine neue Theorie des Sozialen ringt und deshalb hat er das Buch durchaus interessiert zur Kenntnis genommen.
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