Botho Strauß

Die Unbeholfenen

Bewusstseinsnovelle
Cover: Die Unbeholfenen
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446209176
Gebunden, 122 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Ein altes verwunschenes Haus im Gewerbegebiet vor der Stadt wird zur Zufluchtsstätte einer kleinen Gruppe "geretteter Figuren". Vier Geschwister sind es und zwei ungleiche Liebhaber, die sich eine der Schwestern ins Haus holt. Abgeschirmt von Alltag und Außenwelt entwickelt sich in dieser freiwilligen Isolation ein bald somnambules, bald hellsichtiges Spiel der Gedanken und Verhaltensformen. Was bestimmt unsere Zeit, wie können wir sie bestimmen? Die "Bewußtseinsnovelle" von Botho Strauß fragt - in der Erinnerung an die großen Symbolfindungen der deutschen Literatur von Kleist bis Hofmannsthal - nach dem Bild, das jenseits des Netz-Werks für uns gültig sein könnte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.10.2007

Verhalten äußert sich Christopher Schröder über Botho Strauß' neues Buch "Die Unbeholfenen", einer "Bewusstseinsnovelle", die seines Erachtens mit der Gattung Novelle nichts zu tun hat. Auch an einem realistischen Erzählen scheint ihm Strauß nicht interessiert. Das Setting der Geschichte um die freiwillige Isolation einiger Geschwister dient in seinen Augen eher der Entwicklung eines kulturkritischen Gesprächs. Dieses erinnert ihn an Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang" aus dem Jahr 1993. Weder thematisch noch sprachlich findet er im vorliegenden Buch viel Neues. Bekannt ist ihm die "so beängstigende wie beeindruckende Gegenwartsverachtung", die hier wieder einmal ein munteres Stelldichein feiert. Die im hohen Ton gehaltenen Schimpftiraden könne man "beinahe wörtlich" im "Anschwellenden Bocksgesang" nachlesen. Schröder vernimmt auch wieder die Klage über den Verlust des Heiligen im Sinne Hölderlins im allgegenwärtigen und permanenten Medienrauschen. Letztlich betrachtet er diese "Bewusstseinsnovelle" als "kleine Routinearbeit" des Schriftstellers, in der sich für ihn freilich dessen "gesamter Horizont" zeige, mit allen "Licht- und Schattenseiten".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2007

Botho Strauß' "Bewusstseinsnovelle", wie es im Untertitel von "Die Unbeholfenen" heißt, spielt sich als kluges und gebildetes, und dabei äußerst gegenwartskritisches Gespräch unter fünf Personen in einem begrenzten Raum ab, erklärt Lothar Müller. Ein Ich-Erzähler, seine neue Geliebte Nadja und deren drei Geschwister unterhalten sich in einem abgelegenen Haus über Ökologie, Nanotechnologie, Internetkommunikation oder kollektive Intelligenz. Sie beklagen die "Bewusstseinskrise" der Zeit und suchen nach neuen Symbolen, indem sie den Motiven der Informationsgesellschaft "poetisches Wissen" abzugewinnen suchen, legt der Rezensent dar, der in den Protagonisten reine Reflexionsfiguren erkennt. Mitunter sind die Darlegungen der Figuren dann brillant, manchmal aber auch ganz schön "verstiegen", meint Müller, der zudem umsonst auf die "unerhörte Begebenheit", die doch die Novelle als Genre definiert, gewartet hat. Denn am Ende führen die Unterhaltungen dieser "Marionetten" zu nichts, allenfalls die Motive der Literaturzitate, die die Figuren einwerfen, blieben beim Rezensenten hängen. Offenbar wolle der Ich-Erzähler belegen, dass die Gegenwart selbst keine starken Bilder mehr produziere, aber daran will Müller als passionierter Leser natürlich nicht eine Sekunde glauben.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2007

In einer Art Kammerspiel versucht Botho Strauß in seinem jüngsten Buch dem deutschen Bewusstsein und der "Krise" des Individuums auf den Grund zu gehen, stellt Rezensentin Andrea Köhler fest. In einem alten Haus inmitten eines Gewerbeparks unterhalten sich vier Geschwister sowie ein neuer und ein alter Liebhaber einer der Schwestern über die Misere der Gegenwart, wobei sie nicht als handelnde Charaktere, sondern als reine Gedankenfiguren zu verstehen sind, erklärt die Rezensentin. Mit einem Anspielungsreichtum und einem großzügigen Zitatenschatz, der es mit Goethes "Wilhelm Meister" aufnehmen könne, an dem er sich übrigens erkennbar orientiere, lässt Strauß also seine Figuren in kluger Rede und Gegenrede über die Lage debattieren, schreibt Köhler. Sie stellt dabei allerdings mitunter eine gewisse Gestelztheit fest. Überhaupt ist diese "Bewusstseinsnovelle" weniger als literarisches denn als essayistisches Werk aufzufassen, findet die Rezensentin, die dennoch meint, dass die Gespräche die "Gegenwartsblödigkeit", wie es bei Strauß heißt, vielleicht doch gelungener zum Ausdruck bringen können, als es die literarische Abbildung vermocht hätte. Und wenn man "Die Unbeholfenen" als "radikal" versprachlichte "Ratlosigkeit" liest, dann ist es auch ein überaus inspirierendes Buch, meint die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2007

Bewunderung zollt Fritz J. Raddatz in der FAZ am Sonntag dieser "herrlich stilisierten" Novelle von Botho Strauß, ohne deswegen auf einige kritische Töne zu verzichten. Doch zunächst schwärmt er in  höchsten Tönen von der Makellosigkeit und Schönheit dieser Prosa, ergötzt sich an ihrem literarischen Anspielungsreichtum, stellt zahlreiche Bezüge her zu Sartre, Nietzsche, Hölderlin, Valery und Breton, und fühlt sich beim Lesen an eine von Luc Bondys "leichthändig vergifteten Inszenierungen" erinnert. Applaus spendet Raddatz der maliziösen Kulturkritik, die mit der "Grandezza der Verachtung" vorgetragen wird. Besonders gefällt ihm, wie es den "Plappermaschinen unserer widerlichen Öffentlichkeitsdarsteller" an den Kragen geht. Allerdings überkommen ihn dann auch einige Bedenken, wenn Strauß die Wurzel der gebrandmarkten Übel in der Demokratie zu sehen scheint. In diesem Zusammenhang hält Raddatz dem hochgebildeten Schriftsteller vor, zu wenig dialektisch vorzugehen und einen "Anti-Aufklärungs-Furor" zu frönen, der ihm etwas zu simpel ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2007

Erst weiß der Rezensent Hubert Spiegel nicht so genau, was er von dieser neuesten Novelle des Autors halten soll. Dreißig Seiten lang bekomme man kaum anderes als notdürftig erzählerisch zusammengehaltene "Sentenzen und Statements", die an den späteren Goethe nicht nur von Ferne erinnern - schließlich wird er von den Protagonisten dieses "intellektuellen Schaulaufens" selbst herbeizitiert. Es werde aber im weiteren Verlauf immer deutlicher, dass keiner der Figuren hier zu trauen ist, auch dem Ich-Erzähler Florian Lackner nicht, der in erster Linie auf Amouröses aus ist. Von Beruf ist er, wie man erst spät erfährt, "Traumdeuter", und Botho Strauß mache in den abschließenden Dialogen klar, dass es hier nicht um die übliche "Zeitkritik" geht. Vielmehr sei, da ist Hubert Spiegel überzeugt, in dieser "raffinierten und kunstvollen" Novelle eine gute Portion "Selbstironie" spürbar.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.09.2007

So ganz erschließt sich nicht, wie ernst Rezensent Jens Jessen dieses Buch genommen hat, über das er sich immerhin im Aufmacher des Literaturteils einerseits recht belustigt äußert, das ihn andererseits aber auch nicht ganz unberührt gelassen hat. Botho Strauß lässt in seiner Novelle eine von allen psychologischen Wahrscheinlichkeiten befreite "philosophische Großdebatte" führen. Themen sind wie üblich bei Strauß der "Hass auf die Medien", und die "Klage über unsere Gegenwart". Das Problem und die Enttäuschung für Jessen sind dabei, dass Strauß' Gegenrezepte auch nicht die frischesten sind. Hier sieht er vor allem die "verflossenen Ideen der konservativen Revolution", einen "leeren Mystizismus ohne Gott" und einen altbackenen Archaismus" wehen. Aber dann wiederum erkennt er bei Strauß eine Distanzierung sich selbst gegenüber und attestiert ihm, beileibe kein Zeitgeistpädagoge zu sein.
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