Bernhard Siegert

Passagiere und Papiere

Schreibakte auf der Schwelle zwischen Spanien und Amerika (1530 bis 1600)
Cover: Passagiere und Papiere
Wilhelm Fink Verlag, München und Zürich 2006
ISBN 9783770542246
Kartoniert, 176 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Der Krieg der spanischen Krone gegen die eigene Bevölkerung im 16. Jahrhundert, gegen konvertierte Juden und Mauren, aber auch gegen Arme und Vagabunden, produziert an der Schwelle zur Neuen Welt eine immense kleine Literatur: Ausreiseanträge, Verhörprotokolle, Zeugenaussagen, Passagierlisten. Von 1535 an durfte niemand mehr in Sevilla ein Schiff besteigen, der nicht vorher in schriftlicher Form vor einem Richter schriftliche Zeugnisse von seiner Identität, seiner Herkunft, seinem anständigen Leben, seinen Narben und Malen erbracht hatte. Das Indienhaus, die "Casa de la Contratacion", wurde so zu einem der ersten Orte in Europa, wo das Beschrieben- und Ezähltwerden aufhörte, ein Privileg der Mächtigen zu sein, und anfing, ein Mittel der Überwachung und der Kontrolle zu werden.Bernhard Siegert rekonstruiert anhand bisher kaum erforschter Quellen aus dem "Archivo General de Indias" in Sevilla die Rituale und Prozeduren der Legitimation, der Narrativierung, der Registrierung und der Fiktionalisierung, die all jene durchlaufen mussten, die im 16. Jahrhundert an Bord eines der Schiffe nach Amerika gehen wollten. Auf der anderen Seite des Ozeans schließlich verzahnen sich die Passagierlisten mit Einwohnerverzeichnissen und Siedlungstopografien. Das Sesshaftmachen der Passagiere bringt rasterförmige Register und registerförmige Raster ins Spiel, die das "Am-Platz-Sein" von Menschen an ein "Am-Platz-Sein" von Lettern binden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2006

Als kleines, aber feines Meisterstück preist Rezensent Daniel Jütte diese Studie über die Bedeutung der Schrift bei der Kontrolle der Bevölkerung im Spanien der frühen Neuzeit. Die von Michel Foucault angeregten Konzepte denke Bernhard Siegert "virtuos" weiter. Insbesondere anhand einer 1503 gegründeten Behörde für die Kolonien, von der noch Tausende von Akten erhalten sind, hat der Autor die Strategie der Obrigkeit recherchiert, nur ordentliche und vor allem rein spanische Personen in die Kolonien ausreisen zu lassen. Entstanden sei dem Autor zufolge eine Art "Seelenbuchhaltung", in der zudem alle gerade erst zur Konvertierung gezwungenen Neuchristen als "innere Feinde" stigmatisiert worden sind. Interessant erscheint dem Rezensenten auch eine allgemeine Deutung der spanischen Kolonisation als Form der "Verstaatlichung des Krieges".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.12.2006

Für Bernhard Siegert wird mit der Erfindung des Passagiers im Spanien des 16. Jahrhunderts der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit manifest, erklärt Ines Kappert. Als Instrument der Kontrolle über die Auswanderung von Spanien nach Amerika war der Passagierschein erfunden worden, der einen lückenlosen Nachweis über die christliche Tradition in der Familie erforderte. Kappert merkt zwar an, dass der Autor einen "poststrukturalistischen Jargon" pflegt, aber das scheint ihr Lesevergnügen und ihren Erkenntnisgewinn nicht ernsthaft gefährdet zu haben.
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