Seit 1945 griff die katholische Kirche in rascher Folge auf eine Reihe sozialwissenschaftlicher Methoden zurück. Diese sollten dabei helfen, Räume der Entkirchlichung mit neuem missionarischen Eifer zu erfüllen, die Einstellungen der Gläubigen demoskopisch zu beobachten und die kirchliche Organisationsstruktur an veränderte Bedingungen der Seelsorge anzupassen. Gruppendynamische und therapeutische Konzepte eröffneten neue Möglichkeiten für die religiöse Selbstthematisierung des Individuums. Mit Hilfe der Sozialwissenschaften ließen sich Folgen funktionaler Differenzierung als "Säkularisierung" beobachten, ohne dass damit umstandslos eine größere Rationalität des kirchlichen Handelns erreichbar war.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.07.2008
Rezensent Dietmar Süss hat Benjamin Ziemanns Studie über die katholische Kirche und die Sozialwissenschaften zwischen 1945 und 1975 positiv aufgenommen. Die Untersuchung führt seines Erachtens überzeugend das ambivalente Verhältnis der Kirche zur neuen Sozialforschung sowie die sich daraus ergebenden Veränderungen der Kirche vor Augen. Deutlich wird etwa, wie die Auseinandersetzung mit den Sozialwissenschaften der katholischen Kirche half, "den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungsprozess der Nachkriegszeit zu verstehen". Süss hebt hervor, dass Ziemanns Arbeit über die Grenzen einer Kirchengeschichte hinausgeht. Er bescheinigt dem Autor, "mit feinem Gespür" die Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft überhaupt zu analysieren. Erhellend findet er auch die Folgen dieses Prozesses, die der Autor auf breiter Quellenbasis aufzeigt.
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