Die Stadt Berlin plant gravierende Neugestaltungen ihrer Mitte. Deren enorme Freiflächen und Autostraßen suggerieren problemlose Baufreiheit. Doch will man diese Pläne fundiert diskutieren, muss man um das bauliche Schicksal des historischen Zentrums wissen: Es scheint weithin vergessen. Dabei ist der Ort hochgradig mit Bedeutung aufgeladen. Auf einer Fläche, die heute im Osten und Norden durch die Stadtbahn und im Süden und Westen durch den Spreekanal begrenzt wird, finden sich unter Rasen und Asphalt die Kellermauern aus achthundert Jahren Stadtgeschichte. Nirgends sonst besitzt Berlin weiter zurückreichende urbane Spuren. Doch der heutige Zustand verrät fast nichts davon. Er ist das Ergebnis nicht allein des Bombenhagels in den 1940er Jahren, sondern mehr noch einer im europäischen Maßstab extremen Modernisierung nach den Prinzipien des modernen Städtebaus - vor allem zugunsten des Autoverkehrs.
Sophie Jung schaut mit dem Berliner Stadtforscher Benedikt Goebel auf das städtebauliche Schicksal von Berlins Mitte. Verlustgefühl stellt sich ein, meint Jung, die Goebels bebilderte, anekdotenreiche Geschichte von Abriss und Kahlschlag mit gemischten Gedanken liest. Goebels Wunsch nach Rekonstruktion alter organischer Dichte und Rückkehr zum Privateigentum möchte sie mit Blick auf die gated communities um die Friedrichswerdersche Kirche nicht teilen. Lieber würde sie Komplexität von Geschichte sichtbar machen, anstatt sie wiederum zu überbauen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2018
Benedikt Goebels Buch lehrt Rezensent Robert Kaltenbrunner am Beispiel von Berlins
Altstadt, was kulturelles Erbe bedeutet und wie sich der Berliner Stadtkern
entwickelt hat. Goebels Vorgehen nach Einleitung, Erläuterung und
Beweisführung mit Beispielen, Plänen und Fotos findet der Rezensent auch
darum plausibel, weil der Autor nicht an der Vergangenheit festhält,
sondern auf eine Kampfschrift gegen den gegenwärtigen Stadtdiskurs abzielt.
Das dies ohne Plattheiten abgeht, und der Leser auf grundsätzliche
Entwicklungen aufmerkam gemacht wird, findet Kaltenbrunner angenehm.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.04.2018
So knapp und klar wie beim Architekturhistoriker und Kurator Benedikt Goebel hat Rezensent Jens Bisky die Baugeschichte von Berlins Mitte nie erzählt bekommen. Die dramatische Situation heute und die Entwicklung vermag ihm der Autor aufgrund seiner Erfahrung mit Hilfe von Fotos, Plänen und Skizzen darzustellen. Die Planungen unter Berücksichtigung eines 800 Jahre alten Erbes, auf die der Autor hofft, scheinen dem Rezensenten jede Menge Stoff für Diskussionen zu bieten.
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