Wozu Lyrik? "Um mich zu wärmen, suche ich Verse", heisst es in einem der Gedichte von Asiye Müjgan Güvenli, und sie setzt damit unwirtlichen Räumen, "wo das Glück scheu ist", eine andere Realität entgegen. Von Verlorenheit, Fremdheit, Trauer und Unterdrückung ist die Rede, von Einsamkeit und Beklemmung, aber genauso und intensiver noch von Sehnsucht, Befreiung und dem Glanz der Welt. Die Zeit entzieht sich: Erinnerungen gehen verloren oder drängen sich in die Gegenwart, verwirren die Zukunft, bringen Trost und Befremden. Zugleich erschafft die Autorin in diesem Gewebe eine traumhafte Wirklichkeit, die weit über die Begrenzungen hinausweist und es erlaubt, "dunkle Wolken zu tätscheln", "Sterne zu sammeln" und "die Nacht über sich zu ziehen, (um) im drohenden Schatten zu schlafen".
Kritiker Konstantin Ames freut sich, dass die naturmotivisch orientierten Gedichte der Winterthurer Lyrikerin Asiye Müjgan Güvenli ganz ohne konservative Schmalzigkeit auskommen und gleichzeitig hochpolitisch sind. In den neunzig Gedichten liest er vom Zweifel am Wort, von der Erinnerung an staatliche Gewalt, die die Autorin fragen lässt: "was kommt zuerst/der Tod oder Rosenknospen". "Müdigkeit umarmt meinen Körper", lesen wir, Güvenli ist auf der Suche nach der Kraft der Lyrik, die sie zunehmend verloren glaubt, "nur lesend da sein" ist im Angesicht ihrer eigenen Exilgeschichte kaum möglich. Auch die beigefügten Illustrationen von Brigitte Boller finden das Lob Ames, sie erinnern ihn mit ihren satten Farben "an eine schwärende Wunde", die er auch inhaltlich wiederfindet. Da kann er auch die am Ende des Bandes stehenden, etwas zu kitschigen Gedichte verzeihen.
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