Von Paris nach London und über Umwege nach Berlin: Diese von Anneke Lubkowitz herausgegebene Anthologie versammelt wichtige und überwiegend erstmals auf Deutsch publizierte Grundlagentexte zur Auseinandersetzung mit einer hierzulande bisher kaum bekannten Tradition der Stadterkundung. Die erstmals 1956 von Guy Debord beschriebene Psychogeografie ist eine Methode des Gehens und der Stadterkundung, in der man sich treiben lässt, sich der Umgebung aussetzt, sie beobachtet und darüber objektive Erkenntnisse zu gewinnen versucht. Die Gefühle, die dabei ausgelöst werden, unterscheiden sich von denen des Flaneurs oder des dandyhaften Schlenderers: Sie dienen dem "Aufspüren" einer städteplanerischen Absicht, die etwa den Zugang zu manchen Bezirken erschwert und bestimmte gesellschaftliche Gruppen voneinander abgrenzt. Das Gehen der Psychogeografen bringt somit die verborgenen Logiken einer Stadt zum Vorschein. Mit Beiträgen von Garnette Cadogan, Guy Debord, Aminatta Forna, Grashina Gabelmann, Anja Kümmel, Henri Lefebvre, Fabian Saul, Paul Scraton, Will Self, Iain Sinclair, David Wagner und Frank Witzel.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2020
Rezensent Helmut Mayer nutzt den Shutdown für urbane Spaziergänge der theoretischen Art mit dem von Anneke Lubkowitz herausgegebenen Band. Wer und wie sich nach Debord psychogeografisch betätigte, von Iain Sinclair über Will Self bis zu Aminatta Forna und Fabian Saul kann Mayer hier nachlesen, wobei sich keineswegs alle auf Debord und die Situationisten beziehen, wie der Rezensent feststellt, sondern gar eigene Erkundungen durchführen, etwa bezüglich Machtverhältnissen zwischen Mann und Frau, Schwarz und Weiß oder indem sie die spielerische Seite der Psychogeografie herauskitzeln. Für Mayer auf alle Fälle eine anregende Anthologie.
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