Als Folge der nationalsozialistischen Verfolgung flohen zahlreiche jüdische Historiker aus Deutschland und Österreich in die USA. Nach 1945 setzten sie sich für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust ein. In den USA avancierten sie rasch zu Pionieren für die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Obwohl sich die Wissenschaftler um einen Austausch mit in Deutschland verbliebenen Historikern bemühten, blieben ihre Bücher in ihrem Herkunftsland teilweise über Jahrzehnte unbeachtet. Die Gründe für die Missachtung waren vielfältig: Umstritten war vor allem, wer deutsche Geschichte schreiben darf, wie deutsche Geschichte geschrieben werden soll, insbesondere ob und wie der Holocaust zu erforschen sei. Erst durch Generationswechsel sowie ein gestiegenes öffentliches Interesse intensivierte sich der Austausch zwischen den in Deutschland verbliebenen und den emigrierten Historikern. Letztere trugen wesentlich zu der wissenschaftlichen Erforschung des Nationalsozialismus und des Holocaust bei. Sie zielten auf eine lückenlose Aufklärung der deutschen Vergangenheit, um das Demokratiebewusstsein in Gegenwart und Zukunft zu stärken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.06.2023
"Augenöffnend" ist die Lektüre dieses Buches von Anna Corsten für Rezensent Robert Probst. Die Historikerin setzt sich in ihrer Dissertation mit der westdeutschen Holocaust-Forschung auseinander und fördert wenig Rühmliches zu Tages, so der Kritiker. Nach Kriegsende setzten sich zunächst nur sehr wenige Historiker mit der Shoa auseinander, lesen wir. Diese klammerten sich oft an relativierende Narrative, in dem sie beispielsweise die Beteiligung der Zivilbevölkerung an den NS-Verbrechen kleinredeten. Schärfere und klarere Analysen kamen von Forschern, die während der NS-Zeit aus Deutschland geflohen waren, wie Raul Hilberg. Corsten widmet sich elf emigrierten Historikern und Soziologen und zeigt, wie deren Positionen von westdeutschen Wissenschaftlern konsequent ignoriert wurden, so der Kritiker, der die Lektüre auch für eine nicht-akademische Leserschaft empfiehlt.
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