Ann Cotten

Lyophilia

Erzählungen
Cover: Lyophilia
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518428696
Gebunden, 463 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

In Proteus wird der ewigjugendliche Protagonist zusammen mit seiner Geliebten, einer slowenischen Erfolgspolitikerin mit zwei Kindern, in ein Paralleluniversum exportiert, in dem jede Überlegung Realität wird. Indessen halten sich die alternden Bewohnernnnie des kurz nach Eröffnung bankrott erklärten Siedlungsasteroiden Amore (KAFUN) an Klischees und Running Gags fest, um einen Halt gegen die Trauer zu finden, die eine größere Gefahr darstellt als Internetlosigkeit, kosmische Strahlung und humanitäre Instantnudeln zusammen. Eine Sammlung von Erzählungen wie ein Schuss ins Knie. Was Ann Cotten die letzten Jahre etwas hochstaplerisch als "Science Fiction auf Hegelbasis" angekündigt hat, ist jetzt gekommen. Lyophilia erinnert an Tarkowskijs Special Effects: eine Formulierung, vor eine Wirklichkeit gehalten, und plötzlich wird präzise, was sonst in der Form eines dumpfen Ahnens herumvegetiert. Und wo der mögliche Realismus aufhört, fließt heiß und pochend Emotion heraus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.05.2019

Rezensent Joshua Schößler bedauert, dass der Mangel an Struktur die Aufmerksamkeit bedroht beim Lesen von Ann Cottens Erzählungen und Gedichten. Dass die Texte kaum Handlung haben, kann Schößler handhaben, Themen und Motive wie Utopie, Zeitreisen, Aliens, Drogen, Liebe, Politik macht er aus und erkennt: Das Bedeutende ist die Sprache. So zwischen Alltag und Wissenschaft wandernd, scheint sie ihm präzise und zugleich unvorhersehbar, frisch. Ermüdend findet er Cottens "Pseudo-Philosophierereien" und ihr "verkifftes" Assoziieren. Dass dieses Spielerische gleichzeitig eine von Cottens Qualitäten ist, weiß er aber auch.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.05.2019

Paul Jandl hat große Freude an den Büchern von Ann Cotten, die in "Lyophilia" nicht nur alle gattungstechnische Grenzen sprengt, sondern auch die molekularen: Per Gefriertrocknung können sich die Siedler auf dem Planeten Amor in einen neuen Bewusstseinszustand versetzen lassen. In Slowenien dagegen sind Cyborgs und Sexroboter nicht mehr von Menschen zu unterscheiden. Und wenn die Leute brauchen, dann ploppt in Cottens Universum ein Büdchen auf. Jandl sieht in den Erzählungen Utopie und Parodie in einem, manchmal wirkt das Ganze auf ihn ein bisschen bekifft, manchmal wie ein großer hermeneutischer Witz. Präzise Definitionen gehören, lernt der Kritiker von Cotten, ins Reich der Informationstechnologie, die Literatur sei schließlich "Spielraum für Bullshit und Emphase". Und Kritikern, die Cottens Büchern zu abgedreht finden, bescheidet er etwas spitz: "Sie sind so klug, wie wir eben sind."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.04.2019

Hanna Engelmeier hält sich selbst für nicht schlau genug für Ann Cottens Texte. Jedenfalls gelingt es ihr nicht, sich Cottens selbstsicherem Modus des literarischen Besserwissens anzupassen. Schade eigentlich, findet Engelmeier selbst, denn auf den vorliegenden 460 Seiten ist doch einiges los. Es geht um Gefriertrocknung als Zeitreisemedium, das Verhältnis von Sprache, Schrift und Dialekten, alles höchst zitat- und anspielungsreich verhandelt. Im übrigen hat die Autorin ihren Hegel gelesen, ahnt Engelmeier. Nur: Das wortreiche Beharren auf Unverständlichkeit macht die Rezensentin müde. Und sogar ärgerlich, wenn sie nämlich das Gefühl beschleicht, Cotten spreizt sich zwischen Oberseminar und Nerdtum auf Kosten der doofen Leserin.
Stichwörter