Andres Veiel

Der Kick

Ein Lehrstück über Gewalt
Cover: Der Kick
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2007
ISBN 9783421042132
Kartoniert, 285 Seiten, 14,95 EUR

Klappentext

Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels gefoltert und durch einen "Bordsteinkick" zu Tode getreten wurde. Nachbarn hatten die Misshandlungen mit angesehen und über Monate geschwiegen. Dieser grausame Mord und seine furchtbaren Begleiterscheinungen rückten das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. In den Medien stand er sinnbildlich für rechtsradikale Gewalt und eine verrohte Gesellschaft in den fünf neuen Bundesländern. Der Regisseur und Psychologe Andres Veiel wollte sich mit einfachen, raschen Antworten nicht begnügen. Viele Monate hat er in Potzlow und Umgebung recherchiert, hat Interviews mit den Tätern geführt, mit ihren Angehörigen und Bekannten gesprochen. Er zeichnet ein komplexes Bild von weit zurückreichenden Traumata und Gewalt, die bis heute unter einer dünnen Schicht von Bürgerlichkeit und Zivilisation in unserem Land virulent sind.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.04.2007

Als "eindrucksvolles Protokoll einer sozialen Aufmerksamkeit" würdigt Harry Nutt dieses Buch des Filmemachers Andres Veiel über den grausamen Mord von Potzlow. Er lobt die genauen Recherchen des Autors, die intensive Gespräche mit den Tätern und ihren Angehörigen, aber auch mit den Hinterbliebenen des Opfers, einschließen. Die Rekonstruktion des Tathergangs enthüllt für Nutt ein "Horrorszenario" aus sozialer Deformation, Hilflosigkeit und Alkoholismus. Dabei hebt er hervor, dass Veiels Darstellung frei von "eindimensionalen" Schlüssen ist. Mit psychologischen Spekulationen halte sich der Autor weitgehend zurück, um stattdessen Schicht für Schicht in einer dichten Beschreibung die "Scherben eines sozialen Desasters" zusammenzutragen. Nutt unterstreicht zudem Veiels Ausleuchtung des gesellschaftlichen Hintergrunds, vor dem sich die Tat abspielte: die verdrängte, unbewältigte ins Kriegsjahr 1944 zurückgehende Gewaltgeschichte des Ortes.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2007

Für Regina Mönch ist das Buch so etwas wie das Lehrstück eines Lehrstücks, ein "hervorragendes Sachbuch". So kann, findet sie, so muss man über den eigentlich unsäglichen Mord von Potzlow schreiben. Andres Veiels Gespräche mit Dorfbewohnern, Angehörigen, Nachbarn und Freunden liefern ihr den trostlosen, von "zivilisatorischen Defiziten" geprägten, "bis ins Kriegsjahr 1944" ausgreifenden Hintergrund zur Tat, ein "Sittenbild Potzlows", jedoch keine Lösungsvorschläge. Dass der Autor dennoch auf Probleme wie die Gewaltverherrlichung in Filmen hinweist, findet Mönch in Ordnung, sieht sie in Veiel doch keinen Ankläger, sondern einen gewissenhaften und differenzierenden Chronisten, der bereitstellt, "was der Leser braucht, um sich ein Urteil bilden zu können".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2007

Der Filmemacher Andres Veiel sucht in seinem Buch über den grausamen Mord am 16-jährigen Marinus Schöberl in Potzlow nach den Gründen von Gewalt und hat damit ein gleichermaßen sachliches wie aufrüttelndes Werk geschrieben, lobt Jens Bisky. Während das vierzig Seiten starke Stück, das auf Interviews mit Menschen vor Ort basiert und das auch verfilmt wurde, bei aller Eindrücklichkeit nicht recht befriedigt, hat das vorliegende Buch den Rezensenten erschüttert und beeindruckt. Veiel bemühe sich, dem "Warum" für die Gewalttat auf den Grund zu gehen und lässt sich auch von Widersprüchen, die ihm bei der Recherche begegnen, nicht irritieren, so Bisky bewundernd. Während die Medien bei aller Detailfülle eben doch nicht genau hingucken und eigentlich nur darauf aus sind, Vorurteile zu bestätigen und Ängste zu schüren, beseelt Veiel ein aufklärerisches "Pathos", so der Rezensent, der glaubt, dass dieses Buch das Zeug zum "Klassiker" hat, sowohl als exemplarische Analyse eines Verbrechens als auch als ein"Geschichtsbuch der Gegenwart".
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