Anatole Broyard

Verrückt nach Kafka

Erinnerungen an Greenwich Village
Cover: Verrückt nach Kafka
Berlin Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783827003553
Gebunden, 190 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Carrie Asman und Ulrich Enzensberger. Anatole Broyard war als Herausgeber und Kritiker der New York Times über Jahrzehnte ein Mittelpunkt der amerikanischen Literatur. Mit seiner Autobiografie begab er sich weit zurück und schrieb ein Porträt eines kurzen Zeitabschnitts, der Periode kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Greenwich Village. Hier schien ihm der Ausgangspunkt seines Lebens und die Quelle des modernen Amerikas, in dieser Zeit schien alles Vorherige und alles Weitere in einem Neuanfang zu verschmelzen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2001

Der Rezensent Tilman Urbach bespricht für uns Anatole Broyards Erinnerungen "Verrückt nach Kafka", erschienen im Berlin-Verlag. Als Kolumnist, Kritiker, Herausgeber im New York der Vierziger, so erklärt uns der Rezensent, sei der Autor "kein einfacher Zeitzeuge", wer allerdings Leseerfahrungen erwarte in diesem Buch, der sei gleichfalls schief gewickelt: Der Mann nämlich "lebte Literatur". Das Leben als "dreidimensionale Prosa" ist es denn auch, was Tilman Urbach hier - in Form von "allzu ephemeren Erinnerungspartikeln" - leider um die Ohren fliegt, so dass ihn ein Gefühl der Unvollständigkeit nicht loslässt (tatsächlich handelt es sich um ein unvollendetes Manuskript, wie im Nachwort zu erfahren ist). Literatur, findet Tilman Urbach, ist das nicht, und deshalb konzentriert er sich lieber auf das "atmosphärische Zeitbild, das sich wie eine Folie hinter dem Erlebten und Geschilderten ausbreitet: Die nervöse Suche einer Generation, deren Vorbilder mit dem Krieg abhanden gekommen sind".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.07.2001

1946 kam Anatole Broyard als 26-Jähriger im New Yorker Stadtteil Greenwich Village an und träumte davon, ein berühmter Literat zu werden. Wie so viele andere auch, die er in seinen Erinnerungen Revue passieren lässt, berichtet Thomas Laux. Berühmt wurde der 1990 verstorbene Broyard - wenn auch nicht als Autor, so aber als einer der einflussreichsten und geheimnisumwittertsten Literaturkritiker der USA. Dem Rezensenten hat es ein großes Vergnügen bereitet, die Erinnerungen zu lesen. Denn sie klingen ihm wie eine Liebeserklärung an einen Ort und eine ganz persönliche éducation sentimentale in den Ohren. Zudem sei die nostalgisch gefärbte Autobiografie mit vielen Anekdoten gespickt und in einem leichten und unprätentiösen Stil verfasst. Die schönen Zeiten in Greenwich Village sind schon lange vorbei, weiß Laux, umso schöner sei es also, in Broyards wundersame, längst versunkene Welt hinabzutauchen - auch wenn der Autor an manchen Stellen doch ein bisschen "nachmythisiert" hat, schmunzelt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.03.2001

Katharina Born hat das Glück, für die Besprechung der Autobiografie von Anatole Broyard auch die Erzählungen seiner Tochter Bliss hinzuziehen zu können, die im Deutschen zur gleichen Zeit und im gleichen Verlag erscheinen.
Anatole Broyard: "Verrückt nach Kafka"
Der Titel zeigt es schon an: Broyard war ein Büchernarr, der am liebsten in Greenwich Village eine Buchhandlung betrieben hätte, diese stattdessen aber bald wieder zugemacht hat und Literaturkritiker der "New York Times" wurde. Von Eitelkeit und Selbststilisierung nicht frei, merkt Born über seine unvollendeten "Erinnerungen an Greenwich Village" an, in denen er den Nachkriegsjahren mit ihrer "übersteigerten Intellektualität" und der "ersten sexuellen Befreiung" ein Denkmal gesetzt hat. Der Autor starb 1990, informiert uns Born und meint, er hätte zur Gender-Debatte einiges zu sagen, ohne dieses Diktum näher zu erläutern. Seine Porträts der Größen jener Zeit seien recht bösartig geraten, erzählt sie weiter, Broyard habe eine besondere intellektuelle Lässigkeit propagiert, die er im Tanz symbolisiert sah: wer sich dem Rhythmus allzu sklavisch unterordnete, der war zur Abstraktion wohl kaum in der Lage.
Bliss Broyard: "Mein Vater, tanzend"
Das Motiv des Tanzes taucht bei der Tochter wieder auf, die, im übrigen wie ihr Vater, meint die Rezensentin, stetig um Anerkennung ringt: die ihres Vaters, ebenso in der Schule und in Beziehungen. Acht Erzählungen hat sie geschrieben, in denen sie laut Born dem Verhältnis von Töchtern zu ihren berühmten Vätern nachspürt. Welche das außer ihr noch sind, erfahren die Leser leider nicht. Bliss Broyard jedenfalls, meint Born, hat Tanzen gelernt und ihren berühmten Vater stehen lassen, der als Literatur anderes als "Miniaturen des Gewöhnlichen" geschätzt hätte, wie sie die Tochter nun schreibt. Aber das sei schließlich auch eine andere Zeit gewesen, in der "selbst ein schwerfälliger Typ wie Hemingway tanzen konnte", schließt Born und zitiert noch einmal den Vater.
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