Selim I. "der Gestrenge" (1470 - 1520), osmanischer Sultan und Kalif aller Gläubigen, lebte in einer Welt im Umbruch. Mit der Eroberung Amerikas durch die Spanier begann nach landläufiger Meinung der "Aufstieg des Westens", mit der Reformation wurden mittelalterliche Denkweisen überwunden. Doch die eigentlich treibende Kraft dieser Veränderungen wurde bisher ausgeblendet: Erst das Vordringen des Osmanischen Reiches nach Westen zwang die Europäer ihrerseits weiter nach Westen in eine Neue Welt, wo sie ihren alten Kreuzzug gegen den Islam fortsetzten. Nicht zufällig kam es in Europa zur Glaubensspaltung, als Sultan Selim den sunnitischen Islam reformierte und sich der Graben zwischen Sunniten und Schiiten vertiefte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2021
Rezensent Rezensent Andreas Kilb findet Alan Mikhails Buch über den neunten Sultan des Osmanischen Reiches einfach nur ärgerlich. Ärgerlich scheint ihm der vollmundige "Predigerton", in dem der Yale-Historiker Selim I. und seine Wundertaten vorstellt, ärgerlich das dauernde unkritische Ansinnen des Autors, sich in seinen Helden einzufühlen, und ärgerlich schließlich das "manichäistische Weltbild", das der Darstellung zugrundeliegt: Hier der tolerante Islam, dort das von einem expansiven Fanatismus getriebene Europa. Wie Mikhail die historischen Fakten biegt, bis sie in diese Sicht passen, findet Kilb erstaunlich. Dass der Autor die Forschung auch korrekt wiederzugeben vermag, wie etwa im Fall des muslimischen Aufstands auf Hispaniola, verblasst dagegen, meint er.
Rezensent Ingo Arend empfiehlt Alan Mikhails Buch über Erdogans "Lieblingssultan" Selim. Der Autor verändert laut Arend den Blick auf den Islam und zieht Verbindungen von der ablehnenden westlichen Haltung gegenüber dem Islam im 15. Jahrhundert bis heute. Was dieser Selim alles geleistet hat!, staunt Arend: den Kaffee entdeckt, das Osmanische Reich zur globalen Handelsmacht ausgebaut und sogar Luthers Reformation unterstützt. Dass Mikhail die finsteren Seiten des Mannes nicht verschweigt und anhand vieler Quellen nachweist, wie der Westen gegen Selim aufbegehrte, gefällt Arend gut. Der Autor erzählt packend eine Alternativgeschichte zum Aufstieg des Westens, meint er.
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