Manche Krankheitsbilder haben sprechende Namen: Das Hiob-Syndrom bezieht sich auf die alttestamentarische Gestalt und bezeichnet eine Hauterkrankung; das Undine-Syndrom verweist auf das mythologische Wasserwesen und beschreibt eine Störung der Atemregulation; das Felix-Krull-Syndrom rekurriert auf Thomas Manns fabulierenden Hochstapler und verdeutlicht den pathologischen Lügner; und das Truman-Syndrom verknüpft die Filmfigur Truman Burbank mit einer paranoischen Störung. Die Bezeichnung solcher und anderer Syndrome leitet sich nicht wie üblich aus der Ätiologie oder der Pathogenese ab. Die literarischen und filmischen Narrative entwickeln eine derart starke Dynamik, dass sie Elemente eines medizinischen Wissens werden. Jeder Beitrag des Bandes stellt ein Syndrom in den Mittelpunkt, um das Nachleben eines historischen, literarischen und medialen Wissens in der medizinischen Nomenklatur zu untersuchen. Dabei wird deutlich, inwiefern Literatur und Film einen Zugang zu Akteuren, Leiden und Erleben einer Krankheit ermöglichen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.06.2021
Was eint Dornröschen, Hiob oder Felix Krull? Sie alle wurden zu Namensgebern von Krankheitssyndromen, lernt Rezensent Lothar Müller in diesem von den Literaturwissenschaftlern Rupert Gaderer und Wim Peeters herausgegebenen Band. "Medizinische Eponyme" werden solche Aneignungen genannt, erfährt der Kritiker, der hier etwa liest, dass das Dornröschen-Syndrom ungewöhnlich lange Schlafphasen bezeichnet oder dass das "Hiob-Syndrom" - eine Infektion der Haut durch einen Defekt der körpereigenen Abwehr - auf ein einziges Detail in der biblischen Erzählung zurückgeht. Auch literaturwissenschaftlich ist dieser Band von Interesse, eröffnet er durch den Einbezug der Pathologie doch einen ganz neuen Deutungsspielraum für die literarischen Figuren, meint der Rezensent.
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