Vorworte

Leseprobe zu Isabella Hammad: Enter Ghost

Über Bücher, die kommen.

Einfach war es nicht, ein Ensemble für die Hamlet-Inszenierung auf die Beine zu stellen; das ahnt man schon aufgrund der Mehrfachbesetzungen und der bunt zusammengewürfelten Männertruppe, die am Anfang dieser Leseprobe vorgestellt wird. Die darauf folgende Passage, in der diskutiert, gescherzt und zwischendurch auch mal ein Giftpfeil abgeschossen wird, notiert Hammad wie eine Theaterszene - ein Stilmittel, das sie im Roman öfters einsetzt.

MAJED, Claudius und der Geist. Vierzig, aus Jerusalem. Chronisch albern, groß, mit beweglichem Gesicht, einem wie gemeißelten Bart und getönter Brille, er trägt abwechselnd eine blaue und eine gelbe. Majed ist sensibel und freundlich und fraglos der schlechteste Schauspieler im Ensemble, was mich zu der Frage veranlasst, warum er den Geist und Claudius spielt und nicht etwa Rosenkranz. Andererseits hat er eine volltönende Stimme und eine gute Bühnenpräsenz, und manchmal, wenn auch sehr selten, gelingt es ihm, sich zu einer schauspielerischen Glanzleistung aufzuschwingen, dann stehen alle mit offenem Mund da und fassen sich an die Brust. Majed ist mit einer Israelin jemenitischer Herkunft verheiratet, sie heißt Nina, sie haben zwei kleine Kinder. Er hat einen wunderbaren Tenor, und wenn er plötzlich in Gesang ausbricht, entschuldigt er sich im Nachhinein stets, indem er eine Hand auf sein Herz legt, als hätte er Wael schwer beleidigt.

AMIN, Horatio. Fünfundzwanzig, aus dem Flüchtlingslager Balata in Nablus. Seine Familie floh 1948 aus Jaffa. Er ist klein und athletisch, sieht immer noch aus wie ein Teenager. Blaue Augen, cappuccinobraune Haut, üppige Locken. Sein kehliges Englisch verrät, dass er als Kind viel amerikanisches Fernsehen konsumiert hat. Er war fünf, als beide Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, und wurde im Lager offiziell von Tante und Onkel großgezogen, tatsächlich aber von seinem großen Bruder, offenbar eine Art Gangster, der den etwas fantasielosen Spitznamen "die Knarre" trägt. Amin ist ernsthaft und idealistisch und spricht gern hochtrabend über Theater und Freiheit. Die großen palästinensischen Theaterregisseure der Vergangenheit sind seine Idole, allesamt Männer. Die Rolle des Horatio ist ihm auf den Leib geschneidert. Er begehrt am stärksten gegen Mariams Autorität auf und schmollt, wenn sie ihn benotet, aber seine Verstimmtheit weicht rasch dem Wunsch, sich zu beweisen.

GEORGE, Rosenkranz, Francisco, Fortinbras. In Ramallah geboren und aufgewachsen, Sohn eines Ingenieurs und einer Literaturprofessorin. Mariam nennt ihn liebevoll "Gigi", ein Kosename, bei dem George eine Schnute zieht und die Hüfte ausstellt. Ich brauche eine Weile, um zu kapieren, dass der Name auf das palästinensische Supermodel Gigi Hadid anspielt. George hat offenbar kein Problem damit, in israelischen Filmen und Serien aufzutreten, kann aber sehr explizit und leidenschaftlich sein, wenn es darum geht, ideologische Positionen ad hominem zu illustrieren. Wenn man ihn drängt, sagt er gern: Unterm Strich mag ich Menschen, weil sie Menschen sind. Er ist so gut wie unerschütterlich. Wie Majed hat er einen Sinn für Komik, ist aber gnadenlos, wo Majed entgegenkommend ist. Er ist ein intuitiver Schauspieler, der sich nie Notizen macht. Er kann launisch und mürrisch sein. Er setzt die Füße flach, aber etwas schief auf wie ein Balletttänzer.

IBRAHIM, Laertes. (Und Güldenstern und Bernardo.) Sechsunddreißig und ein 48er. Lebt in Haifa in einer Wohnung, die zur Hälfte seiner inzwischen auf Korsika lebenden Ex-Frau gehört. Er hat dezidierte politische Ansichten und mag es nicht, infrage gestellt zu werden. Macht jeden Morgen Yoga, ist maßvoll eitel, seine Gliedmaßen sind wohlgeformt und wirken wie gedehnt, und er sagt Sachen wie: Na, ich bin froh, dass irgendjemand endlich mal versucht, Raketen auf Tel Aviv abzufeuern. Ibrahim hat vier Jahre in Deutschland gelebt, dort einen Bachelor in Psychologie gemacht, ist auch in experimentellen Theaterstücken aufgetreten, etwa in absurden Adaptionen von Stücken Ibsens, vor allem aber Brechts. Wenn er lacht, kneift er unwillkürlich ein Auge zu, und wenn man das sieht, kann man sich ein Lächeln schwer verkneifen.

FARIS, Polonius, Totengräber. Mindestens zwanzig Jahre älter als alle anderen Ensemblemitglieder. Wirre graue Haare, grobporige Haut, stämmig. Er leitet ein kleines Theater in Bethlehem, das während seiner Abwesenheit von seinem Neffen und einigen spanischen Volontären geführt wird. Faris hat weder Frau noch Kinder. Auf meine behutsame Nachfrage - ich hatte mich zuerst bei Ibrahim, danach bei Mariam erkundigt - erfahre ich Bruchstücke der Geschichte einer Jugendliebe, von der sich Faris nie erholt hat. Wie meines ist sein Gesicht asymmetrisch und kann je nach Blickwinkel vollkommen unterschiedlich wirken.

WAEL HEJAZI, Hamlet. Vierundzwanzig. Waels Großeltern waren Flüchtlinge aus Al-Lydd, er wuchs in einem Camp bei Ramallah auf. Nach dem Gewinn eines populären Gesangswettbewerbs im Fernsehen räumte ihm die Palästinensische Autonomiebehörde diplomatische Privilegien ein, die, von gewissen Reisedokumenten abgesehen, zwar wenig bedeuten, unter Bewohnern des Westjordanlands, die Probleme mit Ausweispapieren haben, jedoch für Verstimmung sorgten, wobei diese eher der Behörde als Wael gilt. Bei Mädchen im Teenageralter löst Wael eine regelrechte Hysterie aus. Er ist im selben Alter wie Amin, und ich spüre eine gewisse Rivalität.

Dritter Probentag. SONIA, MARIAM und IBRAHIM treten auf. AMIN lässt wiederholt einen Totenschädel durch die Luft wirbeln. FARIS isst ein Sandwich. GEORGE und WAEL hängen am Handy.

Wael        Mama! Guten Morgen.

Sonia       Hallo alle zusammen.

Faris       Guten Morgen.

Sonia       (Zu Amin.) Ist der echt?

AMIN tut so, als wolle er den Schädel auf SONIA werfen. SONIA kreischt, schiebt ein Lachen nach und fährt sich mit den Händen durchs Haar.

Mariam      Wo ist Majed?

Amin        Noch nicht da. (Zu Wael.) Was hast du bloß an, Mann?

WAEL sieht an sich hinab. Er trägt ein gestärktes Anzughemd aus glänzendem blaugrauem Stoff. Seine Schuhe sind blütenweiß.

Wael        Was stimmt damit nicht?

Amin        (Lacht.) So willst du auf die Bühne?

Mariam      Ja, exakt so. Hamlet, der glanzvolle Däne. Gut, wo zum Teufel steckt Majed? Wir müssen zuerst was besprechen.

Amin        Ich kann ihn anrufen.

Ibrahim     (Zu Sonia.) Schon mal in einem Shakespeare-Stück gespielt?

Sonia       Ja, in mehreren. Und du?

IBRAHIM schüttelt den Kopf.

Mariam      (Zu allen.) Nur keine Angst vor Shakespeare. Genau das sollt ihr am Ende alle kapieren.

Amin        Warum sollten wir Angst haben?

Mariam      Weil … weil es Shakespeare ist. Das haben wir besprochen. Jedenfalls könnt ihr mit dem Text spielen wie bei jedem anderen Stück. Okay?

Amin        Okay. Fuck Shakespeare.

Wael        Ja, Shakespeare ist ein Arschloch.

Mariam      Klar, natürlich. Die Sache mit Hamlet ist aber, dass jedem, der in London den Hamlet spielt, Sonia wird das bestätigen, dass in London jedem Hamlet die Geister aller anderen Hamlets im Nacken sitzen, also alle berühmten Schauspieler, die diese Rolle in der Vergangenheit verkörpert haben. Damit will ich dich nicht stressen, Wael, im Gegenteil. Denn unserem Wael sitzt anderes im Nacken, vielleicht etwas, das er nicht mal formulieren kann. Uns allen sitzt eine Mischung aus Traditionen, Erlebnissen und Erinnerungen im Nacken. Verneigt euch also nicht vor dem grandiosen Bild eines fernen, englischen Shakespeare, nein, wie Amin sagt: Fuck Shakespeare. Wir haben jede Freiheit. Ich rufe jetzt Majed an.

Amin        (Zu Sonia.) Wusstest du, dass es eine arabische Version von Hamlet mit einem Happy End gibt?

Sonia       Und wie sieht das Ende aus?

Amin        Der Geist kehrt zurück und übergibt Hamlet den Thron. Hamlet wird König.

Sonia       Ah. Und die Sache mit dem Selbstmord? Fällt die unter den Tisch?

Amin        Keine Ahnung, ich hab's noch nicht gelesen. Aber ich habe eine Frage. Zur Katharsis.

Sonia       Schieß los.

Amin        Kann auch Glück für eine Katharsis sorgen?

Zu SONIAS Überraschung wirkt AMIN todernst.

Sonia       Nun ja, wenn das Happy End befreiend wirkt …

Amin        Es bedarf aber des Mitleids und der Angst. Und beides fehlt.

Sonia       Stimmt. Ich muss gestehen, dass meine Aristoteles-Lektüre ewig her ist.

Amin        Wusstest du, dass die Katharsis auch ein medizinischer Begriff ist?

Sonia       Nein, ist mir neu.

Amin        Ja. (Plötzlich verlegen.) In der arabischen Übersetzung von Aristoteles wurde das ausgelassen, das Thema Katharsis. Dort heißt es, eine Tragödie solle beglücken.

IBRAHIM nimmt die Dreieckstellung ein, sein rechter Arm ist hoch erhoben, seine linke Hand umfasst den Fußknöchel.

Ibrahim     Darum gibt's bei uns keine Theatertradition.

Amin        Klar haben wir eine Tradition. Aber eine der Komik. Der Satire … Satire?

Sonia       Ja, Satire.

IBRAHIM sinkt in die Kriegerstellung, atmet tief.

Ibrahim     Obwohl unsere Geschichte eine einzige Tragödie ist.

Faris       Nichts für ungut, aber vergesst nicht, im zwölften Jahrhundert …

Ibrahim     Oh, bitte nicht die Salaheddin-Rede.

Sonia       Und du, Faris?

Faris       Ich mache überwiegend Sozialarbeit.

Sonia       In Bethlehem?

Faris       Ja. Wir arbeiten mit den Kindern in den Camps, wir führen Stücke auf, unternehmen etwas nach der Schule. Es ist wichtig, sie von ihrem Computer loszureißen, damit sie miteinander reden. Ist zugleich eine gute Therapie.

IBRAHIM macht einen Kopfstand und zieht dabei ein Gesicht, das nur SONIA bemerkt.

Sonia       Was ist?

Ibrahim     (Kommt auf die Beine.) Nichts.

Amin        Was hast du?

Ibrahim     Nichts, gar nichts. Aber Kunst als Therapie? Ich finde …

Faris       Ich meine das nicht so, dass man mit einem Problem ins Theater geht, wo es dann auf der Bühne bearbeitet wird. Gut, manchmal tun wir das, es hilft bei der Improvisation. Nein, ich meine das ganz allgemein, es kann für ein gutes Gefühl sorgen. Deshalb machen wir das alle. Geht's euch nicht auch so? Spielen sorgt für ein gutes Gefühl.

Ibrahim     Ich glaube nicht an Theater als Therapieform.

Faris       Wie siehst du's dann? Theater als Freiheitskampf? (Lacht.) Wie bei unserem Freund, der erschossen wurde? Der für Freiheit kämpfende Womanizer?

Amin        Ui, ui.

Sonia       Wer?

Ibrahim     (Verdreht die Augen.) Niemand.

MAJED und MARIAM treten auf.

George      Da ist er ja.

Majed       Am Checkpoint gab's eine lange Schlange.

George      Das sagt man dann so.

Sonia       Guten Morgen.

Majed       (Sieht Sonia an.) Aaah, doch gekommen? Seht mein treues, bezauberndes Weib.

Mariam      Gut, sind wir dann alle so weit?

Majed       Leih dein ernst Gehör dem, was ich kundtun will.

George      Wie?

Amin        Er zitiert aus dem Stück.

Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlags

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