Vorgeblättert

Xu Xing: Und alles, was bleibt, ist für dich. Teil 3

22.03.2004.
"Wir? Guerilla!" rief ich zurück, und die beiden fingen an zu lachen. Viel weiter war unser Gespräch nicht gediehen, als plötzlich von der Ebene her Lärm ertönte und eine quengelige Stimme in reinstem Mandarin zu hören war: "Hey - wann werde ich denn nun vergewaltigt?" Wir gingen in die Richtung und entdeckten eine Gruppe chinesischer und japanischer Soldaten sowie ein paar andere Leute in historischen Kostümen, die zusammen aßen und tranken: ein Filmteam also.
Das Mädchen, das auf seine Vergewaltigung wartete, saß, die Haare wirr im Gesicht, in ein Laken gewickelt auf einer großen Holzkiste, die irgendwelche Geräte beherbergte. Das enge Laken ließ jede ihrer Kurven und Rundungen erahnen, ziemlich sexy. Ich vermute, der Typ, der den Vergewaltiger spielte, wußte sein Glück gar nicht zu schätzen. Ich fragte Xi Yong, was er darüber dachte, aber der starrte nur mit offenem Mund vor sich hin. Ich gab ihm einen Knuff, aber er stammelte nur: "Ach du Scheiße, ich werd nicht mehr, ... ach du Scheiße ..."
Der Regisseur war groß und hager und trug zu unserer großen Überraschung keinen Bart. Ein Regisseur ohne Bart ist heutzutage schon eine Rarität, man spricht ja nicht umsonst von Regisseurbärten. Schließlich müssen Regisseure ein bißchen Originalität versprühen - und darin sind sie echte Könner -, wenn sie bei ihren Filmen schon so einfallslos sind. Einen Regisseur erkennst du blind unter hundert Leuten - schon daran, daß er nichts anbrennen läßt. Wenn der ein nettes Mädchen sieht, dann zeigt er sich von seiner professionellsten Seite. Wie oft habe ich mir gesagt: Wenn du noch mal auf die Welt kommst, dann als Regisseur.
Der hier war jedoch ganz anders. Sein Gesicht war kummer- und gramgezeichnet, als habe man ihn gerade von der Beerdigung seiner Eltern weggezerrt. Mißgelaunt raunzte er das Mädchen an: "Was gibt?s hier zu meckern? Du kriegst schon noch deine Vergewaltigung!"
Das Mädchen nahm den Rüffel wortlos hin, während Xi Yong und ich innerlich frohlockten. Wahrscheinlich dachte auch Xi Yong darüber nach, in seinem nächsten Leben so ein Scheißregisseur zu werden.
Kurz darauf fing das Mädchen, dem die Stille offensichtlich nicht behagte, schon wieder an: "Sag mal, wer wird mich denn eigentlich vergewaltigen?" 
"Mensch, du gehst mir auf die Nerven, siehst du nicht, daß ich gerade nachdenke?!"
Der Regisseur hatte das Drehbuch vorher nicht gekannt und hatte deshalb die Rollenverteilung erst an Ort und Stelle vorgenommen. Erschwerend kam hinzu, daß zwei der Schauspieler auch noch die Lust verloren hatten und einfach nicht am Drehort erschienen waren. Aber er wollte nun beweisen, daß er nicht der Typ war, der das Kuchenbacken verschob, nur weil ihm ein einziges Ei fehlte. Also hatte er wie vorgesehen mit den Dreharbeiten begonnen und darauf gesetzt, daß ihm der Zufall zwei Statisten vorbeischickte. Und gerade, als er das Mädchen anfuhr, tauchten wir auf. Sein Blick blieb an Xi Yong hängen, als habe der ihm schon einmal etwas zuleide getan.
"Was macht ihr denn hier?" fragte er.
Da uns nichts daran lag, ihm etwas vorzumachen, sagten wir schlicht, was Sache war, worauf seine Stimmung schlagartig umschlug: "Super, super, ihr beide kommt mir wie gerufen!"
Nun setzte er alles in Bewegung, damit wir zwei Szenen für ihn spielten. Xi Yong war kaum zu bremsen, aber ich machte ihm ein Zeichen, daß er den Mund halten sollte.
"Was zahlst du uns? Es ist ja nicht so, daß wir nichts anderes zu tun hätten. Schließlich haben wir noch einen weiten Weg vor uns."
"Wie wär?s mit fünfzig pro Nase?"
"Hundert", sagte ich.
Nach längeren Verhandlungen, bei denen er uns im Namen der Revolution zur Einsicht bewegen wollte, einigten wir uns schließlich auf achtzig Yuan. Danach hielt er uns einen elend langen, wortreichen Vortrag über "Kunst", und ich begann allmählich, Gefallen an ihm zu finden. Wenn Regisseure schlechte Filme machen, dann liegt das wohl nicht immer nur an ihnen selbst, denn ihr Budget ist auch nicht gerade üppig.
Wir brauchten nicht in die Maske, denn nach unserem entbehrungsreichen Leben nahm man uns nahezu jede Rolle ab. Davon abgesehen waren wir unterwegs in so viele unterschiedliche Rollen geschlüpft, daß es sowieso niemand Geeigneteren gab als uns. Xi Yongs grimmiges Gesicht verhalf ihm zu seinem Herzenswunsch. Er sollte den japanischen Soldaten geben, der das Mädchen vergewaltigt. Ich mit meinem harmlosen Aussehen dagegen war eher prädestiniert für einen "Bürger dritter Klasse". Also spielte ich einen alten Privatlehrer, der sich von den Japanern erstechen läßt. Typisch, mein Schicksal. Jetzt war ich schon im richtigen Leben kein Held, und nun reichte es noch nicht mal zum Filmhelden.
Das Mädchen warf Xi Yong einen Seitenblick zu, der alles andere als begeistert aussah. Also warf ich mich in die flache Brust und sagte: "Wie wär?s mit mir? Ich hab Erfahrung in solchen Dingen ..."
"Du!? Das ist ja noch schlimmer!"
Na ja, Schwamm drüber. Xi Yong jedenfalls war einer Ohnmacht nahe, als er glaubte, ich würde ihn um die Chance seines Lebens bringen. Streng wies er mich zurecht: "Es geht darum, eine Aufgabe zu erledigen, stell dich nicht so an. Wenn mich der Regisseur für den Vergewaltiger vorsieht, dann vergewaltige ich und du kümmerst dich um deine Rolle! Es gibt keine hohen und niedrigen Aufgaben, in der Revolution sind sie nun mal unterschiedlich verteilt."
Sonst tat Xi Yong immer so schüchtern, aber wenn es drauf ankam, dann wußte er sich durchaus zu behaupten.
Ich durfte also den Toten spielen, während er seinen Spaß hatte. Ein Maskenbildner beschmierte mich mit Theaterblut, das mir zäh und klebrig übers Gesicht lief. Währenddessen erhielt Xi Yong seine Anweisungen.
"Du mußt ihr wirklich die Kleider vom Leib reißen, so wie in der Realität." Danach erklärte er uns, wo wir uns aufstellen sollten, von wo wir auf- und nach wohin wir abtreten sollten und so weiter.
"Aber ich habe noch nie jemanden vergewaltigt", protestierte Xi Yong leicht verlegen. Jetzt, so kurz vor dem Ziel, ging diesem Blödmann die Puste aus!
"Denkst du ich?! Hier landest du deswegen jedenfalls nicht im Kittchen. So und jetzt los!"
"Okay, okay. Gemach!" Und an das Mädchen gewandt: "Und wie soll ich dich vergewaltigen?" Das Mädchen, das sich offenbar auskannte, instruierte ihn.
Mein Part war denkbar einfach: auf die Erde fallen lassen und alle viere von mir strecken, das war?s schon. Ich kam mir vor wie ein Stiefkind, es kümmerte keinen, wie und ob du sterben wolltest. Diesmal hatte Xi Yong den Logenplatz, und für mich blieb nur dieser Mist hier. Ich beschloß, mich so fallen zu lassen, daß ich wenigstens Xi Yong gut im Blick hatte.
Der Regisseur checkte die Kamerapositionen, redete eine halbe Ewigkeit mit den Kameraleuten, schickte zwei Jungs in schäbigen Pelzmänteln auf den kleinen Hügel gegenüber und fragte, ob jeder auf Position und bereit war. Dann kam der Befehl: "Aufnahme läuft! Action!"
Ich sehe nur noch, wie die Kleine heulend und zeternd den Hügel hinaufstürzt, gefolgt von Xi Yong, der in seiner kaiserlich-japanischen Uniform wie ein tollwütiger Hund hinter ihr her rennt, dann bin ich auch schon "tot". Aus meiner Liegeposition sehe ich Xi Yong, der das Mädchen nach ein paar Schritten eingeholt hat, auf den Boden wirft und ihr flink wie ein Affe die Kleider vom Leib reißt, während das Mädchen um sich tritt und beißt. Ich sehe genau, wie Xi Yong die Situation weidlich ausnutzt, und es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten. Er ist mit ganzem Ernst bei der Sache. In den zehn Jahren, die ich ihn kenne, habe ich ihn nur selten so engagiert und konzentriert erlebt. Wenn er sich um seinen anderen Kram nur auch mit soviel Enthusiasmus kümmern würde, dann wäre er einer der Weisen aus dem Morgenland!
Währenddessen, schreit, weint, tritt, beißt das Mädchen ... nun, die üblichen Kinoszenen eben.
"Schnitt!" rief der Regisseur. 
Noch bevor ich mich wieder aufgerichtet hatte, hörte ich Xi Yong: "Das soll eine Vergewaltigung sein? Das ging aber schnell! Ist doch wohl ein Witz!? Sollen wir?s noch mal machen?"
"Nächstes Mal!", sagte der Regisseur.
Und Xi Yong blieb nichts, als sich grollend zu fügen.
Die Kleine wußte nicht, wie ihr geschehen war, stöhnend kam sie näher, immer noch in der Szene gefangen. Mir schien, sie war bereit, sich der Kunst mit Haut und Haar hinzugeben.
Xi Yong erklärte mir später, daß sie große Klasse gewesen sei. Fast zum Verlieben. Dann ließ er sich darüber aus, daß ihn die Kunst nun ebenfalls in ihren Bann geschlagen habe und schwor, seine wahre Berufung, nämlich Schauspieler zu werden, endlich gefunden zu haben.
Nachdem uns der Produzent zweihundert Yuan in die Hand gedrückt hatte, verabschiedeten wir uns. Seit jenem Ohr-Zwischenfall hatte ich Xi Yong nicht mehr in solcher Hochstimmung erlebt. 

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages SchirmerGraf 

Informationen zum Buch und Autor hier