Vorgeblättert

Willem Frederik Hermans: Nie mehr schlafen, Teil 2

Es kippt nach seiner Seite. In einem Schwall ergießt sich der Kaffee über ihn, der Pudding heftet sich in boshaften Klumpen an seinen Anzug, Geschirr fällt zu Boden und zerbricht, das Tablett selbst kann ich gerade noch festhalten. Der Mann hat die Arme hochgestreckt, er hält die Karte in die Höhe. Ich sehe mich um, wo Nummedal geblieben ist. Der sitzt einsam an einem Tisch und rührt in seinem Kaffee.
- Alles in Ordnung! Nichts passiert! ruft der Mann, der mir helfen wollte. Er schwenkt die Karte, sie ist trocken und unbeschädigt.
Ich nehme ihm die Karte ab. Wir werden von zwei Frokens getrennt, die ihm mit Schwamm und Handtuch zu Leibe rücken.
Nun eilen andere hilfsbereite Norweger herbei.
Einer hat mir einen Pudding besorgt, ein anderer Kaffee, ein dritter bringt einen Salat, in dem rosafarbener Fisch enthalten ist.
- Laks, Laks! ruft er rhythmisch, Laks, Laks! But no Gravlaks! Too bad!!
Ich frage, was ich ihnen schuldig bin, schaue von einem zum andern, bekomme keine Antwort. Ich versuche es erneut, stottere jedoch so, daß sie noch mehr Mitleid mit mir bekommen. Kann keine einzige Sprache, denken sie. Ist den ganzen Weg von Gottweißwoher gekommen, um Gravlaks zu essen.
Insgeheim flehend, daß sie mir nicht folgen, drehe ich ihnen den Rücken zu und gehe mit dem vollen Tablett zu dem Tisch, an dem Nummedal sitzt.

Wo der Pudding heruntergefallen ist, kniet ein Froken und wischt auf.
Nummedal sagt: Haben Sie die Karte?
Ich breite das Ding auf dem Tisch aus, hole tief Luft in Erwartung der Tortur, die mir nun wieder bevorsteht. Nummedal schiebt sich die Brille jetzt ganz auf die Stirn und zieht eine Lupe hervor, die an einer schwarzen Schnur hängt. Er hält sie so dicht über die Karte, als suchte er nach einem Floh. Der Nacken ist bis zum äußersten gestreckt. Gleich wird sich der Kopf vom Hals lösen und über den Tisch rollen. Murmelnd schiebt der Professor die Lupe mit der einen Hand beiseite und will mir mit der anderen etwas zeigen. Die böswillige Karte rollt sich wieder zusammen. Hilfsbereit stelle ich den Aschenbecher, eine Kaffeetasse und meine zwei Teller auf die Ecken, höre ihm aber nicht zu.
Hätte ich mein Leben lang nur Privatunterricht erhalten, ich wäre ein Analphabet geblieben. Wenn mir jemand etwas unter vier Augen erklären wollte, habe ich es nie kapiert.
Jemals das Herz eines Tiers gesehen, das bei lebendigem Leibe aufgeschnitten wurde? Das bösartige Pumpen des gefesselten Monstrums?
So wird für mich die Zeit durch den leeren Raum hinweggepumpt, wenn ich jemandem zuhören muß, der mir etwas erklären will. Fast atemlos seufze ich: Ja, ja. Ruhig sitzen zu bleiben fällt mir unsäglich schwer und macht mich so müde, als hätte ich eine dreitägige Wanderung hinter mir. Nummedal drängt mir Informationen auf, um die ich ihn nicht gebeten habe. Ich brauche seine Luftaufnahmen und nicht seine Eitelkeit. Schweißtropfen perlen mir über das Brustbein, das zu jucken beginnt, meine Augen bewegen sich unruhig in den Höhlen, als wollten sie herausrollen. Ich sehe und höre alles, ohne etwas aufzunehmen.
Hinter der Theke stehen Maiköniginnen mit brennenden Kerzen im Haar.
Offenherzig dekolletiert wischt Froken da, wo ich gekleckert habe, den Boden auf. Honighügel, Bienenkörbe. Ich entblöße die Zähne und mache den Mund langsam auf und zu.
Nummedal hat auf der Karte eine Stelle gefunden, die seiner Ansicht nach für mich außerordentlich wichtig ist. Er legt die Lupe darauf, nimmt die Brille ab, zieht ein weißes Taschentuch aus der Hosentasche und putzt damit alle vier Gläser. Unterdessen beginnt er: Der Distrikt Oslo erstreckt sich faktisch vom Langesundfjord im Süden, den Sie auf dieser Karte nicht sehen können, bis zum Mjosasee im Norden ?
Tektonik ?
Die Ablagerungen des Unterperm ? Drammen ? die Kaledoniden ? das Substrat des Archaikums ? zwei Synklinalen ? Deckblattstruktur ? Schiefer ?
Ich gebe Laute von mir, beuge mich vor, meine Augen sind zu dicht an der Karte, als daß ich noch eine Linie oder einen Buchstaben erkennen könnte, ich sage: Ja, ja!
Ich rufe: Selbstverständlich!
Doch ich platze fast vor Verzweiflung, weil ich bestimmt nicht genug von Nummedals Ausführungen mitbekomme, um ihm später, draußen, wenn er mir alles in der Realität zeigt, recht geben zu können.
Damit er von mir einen besseren Eindruck bekommt als von meinem Lehrmeister Sibbelee ? damit er mir die Luftaufnahmen gibt, das einzige, was ich von ihm unbedingt haben muß.
- Wollen Sie mir das wirklich alles zeigen? Ist das nicht zu anstrengend für Sie?
- In Oslo gewesen zu sein, ohne sich im Distrikt ein wenig umgeschaut zu haben!!
- Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie ?
- Ja, ja, ist schon gut. Das sagen die jungen Leute alle! Kommen Sie? Ich habe meinen Kaffee ausgetrunken.

Ich nicht. Aus geheuchelter Ehrfurcht habe ich es nicht gewagt, mein Essen anzurühren. Ich stopfe mir Lachs in den Mund und reiche Nummedal den Blindenstock. Er geht vor, läßt die Karte wie selbstverständlich liegen, damit ich sie trage.
Am Ausgang kommt der Mann, der mir helfen wollte, auf mich zu.
- Gravlaks! ruft er. Es gibt nur ein Restaurant, wo Sie ihn bekommen können, und das ist im Juni geschlossen. No gravlaks in the whole city! Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung. Von London sind Sie anderes gewöhnt. Oder kommen Sie aus New York? Das hier ist typisch norwegisch. Nichts klappt in diesem Land. In Paris wäre Ihnen das nicht passiert. I?m sorry! I?m sorry! No alcohol in restaurants. No striptease either! Good luck to you, sir!

Mit freundlicher Genehmigung des Gustav Kiepenheuer Verlages

Informationen zum Buch und Autor hier