Vorgeblättert

Willem Frederik Hermans: Nie mehr schlafen, Teil 1

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Auf der Straße komme ich mir wie ein liebevoller Enkel vor, der mit dem halbblinden Großvater einen Spaziergang macht, weil das Wetter so schön ist.
Aber er ist es, der mich zum Restaurant lotst.

Es ist ein großes, vornehmes Restaurant. Gewesen. Jetzt stehen dort rosa Plastikstühle an Tischen ohne Tischdecken. Die Wände sind mit pastellfarbenen Platten, Teakholzpaneelen und löchrigem Resopal verkleidet.
Kellner gibt es nicht, nur Mädchen, die die schmutzigen Teller abräumen.
Hintergrundmusik: Skating in Central Park von The Modern Jazz Quartet.
Um Tische und Stühle herum geleite ich Nummedal fürsorglich zu einer langen Theke.
Zwei Tabletts aus Teakholz stelle ich nebeneinander auf die Rutschbahn aus Metallstangen, die sich an der Theke entlangzieht. Nummedal steht neben mir, der weiße Stock hängt an seinem Arm. Hin und wieder pendelt mir der weiße Stock fast ins Gesicht. Mit dem Arm, an dem der weiße Stock hängt, versucht Nummedal das Personal hinter der Theke auf sich aufmerksam zu machen. Eine ganze Schar frisch gewaschener blonder Mädchen mit Häubchen aus grünem Leinen.
Nummedal und ich sind Teil einer Schlange hungriger Menschen, die alle ein Teakholztablett weiterschieben, sobald sie wieder irgendwo einen Teller von der Theke genommen haben. Nummedal ist jedoch so beschäftigt, daß er manchmal vergißt, nachzurücken. Hinter ihm bildet sich ein Stau. Nummedal stößt dann und wann Laute aus. Froken!

Froken!
Kein einziges Froken reagiert. Die Frokens haben alle Hände voll zu tun, neue Gerichte auf die Theke zu stellen. Froken Horsd'oeuvre reagiert nicht, Froken Brot nicht, Suppenfroken nicht und Fleischfroken nicht.
Was will Nummedal überhaupt?
Hier braucht man doch nach nichts zu fragen! Man kann sich nehmen, was man haben möchte. Wenn er nicht genug sehen kann, um eine Wahl zu treffen, kann er mir ja sagen, was er wünscht!
Mein armer kindischer Großvater, der viel Lärm um nichts macht. Sein Name klingt ähnlich wie das niederländische Wort niemendal. Ob er wohl das gleiche, nämlich Null, Niemand bedeutet?
Sein Tablett schiebe ich mit meinem Stück für Stück weiter. Wir sind schon bei der Abteilung Dessert angelangt und haben uns noch nichts ausgesucht. Das heißt, zurückgehen und aufs neue Schlange stehen, das Tablett wieder an der ganzen Theke entlangschieben. Ich habe mich nicht getraut, etwas für mich zu nehmen, nicht einmal ein Glas, ein Messer, eine Gabel und eine Papierserviette.
Schließlich bleibt Nummedal so störrisch stehen, daß in der Schlange eine Lücke entsteht. Soll ich, um etwas zu tun, ein Schälchen Ananas mit Schlagsahne nehmen? Die Leute, die vor Nummedal an der Reihe waren, haben bereits an der Kasse bezahlt. Ich vergewissere mich ängstlich, daß die Hungrigen, die wir aufhalten, auch nicht unruhig werden. Keine Wehklage erhebt sich, kein Seufzer ist zu hören. Harte Wikinger! Noble Rasse von Riesen, die keine Eile haben! Nummedal stößt immer noch Laute aus.
Jetzt verstehe ich ein zweites Wort: Gravlaks! 
Das Mädchen, das für Ananas mit Schlagsahne zuständig ist, hat das Wort ebenfalls verstanden. Sie beugt sich zu Nummedal vor, schüttelt den Kopf, richtet sich auf, ruft es den Mädchen zu, an denen wir schon vorbeigekommen sind.
Das Wort ist auch auf der Kundenseite der Theke aufgeschnappt worden. Alle Gäste suchen jetzt nach Gravlaks. Sie sind noch dabei, Schälchen in die Hand zu nehmen, prüfend zu betrachten, an ihnen zu schnuppern, als das Wort Gravlaks von Häubchen zu Häubchen weitergegeben wieder beim Schlagsahnefroken angelangt ist, nun begleitet von einer Verneinung.
Nummedal stößt Rufe aus, dankbar klingende, weil man seine Frage verstanden hat, entschuldigende, weil er eine unmögliche Bestellung aufgegeben hat.
- No Gravlaks in this place!
- I understand. It?s not important.
- Entschuldigen Sie, daß ich englisch gesprochen habe. Kein Gravlachs hier!
- Ich verstehe. Ich verstehe.
Schnell greife ich zu einem Teller Pudding und stelle ihn aufs Tablett. Kurz vor der Kasse sehe ich Becher mit heißem Kaffee. Nummedal hat sein Tablett stehengelassen, er hat sich nur Kaffee genommen und bezahlt alles, ohne auf das Wechselgeld zu achten.
Ein Mann tritt aus der Schlange auf mich zu. Sein Kopf ist eckig, die Brillengläser sind kreisrund. Er zeigt auf die zusammengerollte geologische Karte, die ich mir unter den Arm geklemmt habe, lächelt und verbeugt sich kurz.
- I understand, you are a stranger here ? Dies ist ein sehr schlechtes Restaurant, wissen Sie, wo es keinen Gravlaks gibt. Nie findet ein Fremder in Oslo das, was er sucht! Ich schäme mich für meine Heimatstadt. Von London sind Sie bestimmt Besseres gewohnt. Aber ich sehe, daß Sie eine Karte haben. Ist es ein Stadtplan? Darf ich mal schauen? Während ich mit der linken Hand das Tablett balanciere, nehme ich mit der rechten die Karte und gebe sie dem Mann. Gleich muß er sich wieder ans Ende der Schlange stellen, nur, weil er mir helfen wollte.
Er hat die Karte auseinandergerollt.
- Es gibt hier nur ein Restaurant, wo man Gravlaks bekommt. Ich zeige es Ihnen.
- Ist das auf dieser Karte nicht zu schwierig?
Es liegt mir auf der Zunge, ihm noch zu sagen, daß es sich um eine geologische Karte handelt. Was wird er denken, wenn er all das Rot, Grün und Gelb sieht, während die Stadt selbst nicht größer als eine durchgeschnittene Kartoffel dargestellt ist?
Er will mit dem Zeigefinger suchen. Die Karte rollt sich zusammen, ich will ihm helfen, das Tablett gerät ins Schwanken.

Teil 2