Vorgeblättert

Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, Teil 2

18.08.2003.
Die Division galt unter den SS-Divisionen als eine Eliteeinheit, wie auch die Division Das Reich und die Leibstandarte Adolf Hitler. Die Totenkopfdivision war 1939 aus der Wachmannschaft des Dachauer KZ gebildet worden. Als besonderes Zeichen trugen die Soldaten nicht nur wie die anderen SS-Einheiten den Totenkopf an der Mütze, sondern auch am Kragenspiegel. 

Seltsam war an dem Jungen, daß er hin und wieder in der Wohnung verschwand. Und zwar nicht, weil er eine Bestrafung zu befürchten hatte, er verschwand einfach so, ohne ersichtlichen Grund. Plötzlich war er unauffindbar. Und ebenso plötzlich war er wieder da. Die Mutter fragte, wo er gesteckt habe. Er verriet es nicht. 
Es war die Zeit, als er körperlich recht schwach war. Blutarmut und Herzflimmern hatte Dr. Morthorst diagnostiziert. In der Zeit war der Bruder nicht zu bewegen, draußen zu spielen. Er ging nicht aus der Wohnung, er ging auch nicht in den Laden, der von der Wohnung aus über eine Treppe zu erreichen war, auch nicht in die Werkstatt, von dem Vater Atelier genannt. Er blieb in der überschaubaren Wohnung mit den vier Zimmern, einer Küche, einer Toilette und einer Abstellkammer verschwunden. Die Mutter war eben aus dem Zimmer gegangen, kam wenig später zurück. Er war nicht mehr da. Sie rief, guckte unter den Tisch, in den Schrank. Nichts. Es war, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Es war sein Geheimnis. Das einzig Sonderbare an dem Jungen.
Später, Jahre später, erzählte die Mutter, habe sie, als die Fenster der Wohnung gestrichen wurden, das hölzerne Podest entdeckt, das, die Wohnung lag im Parterre, eine Fensterbank vortäuschte. Dieses Podest konnte man abrücken, und dahinter lagen Steinschleudern, eine Taschenlampe, Hefte und Bücher, die Tiere in der freien Wildbahn beschrieben, Löwen, Tiger, Antilopen. An die Titel der anderen Bücher konnte sich die Mutter nicht mehr erinnern. Dort drin muß er gesessen und gelesen haben. Er lauschte, hörte die Schritte, die Stimmen, der Mutter, des Vaters und war unsichtbar.
Als die Mutter das Versteck fand, war der Bruder schon beim Militär. Das eine Mal, als er noch auf Besuch kam, hatte sie versäumt, ihn zu fragen. 

Blaß, regelrecht durchsichtig soll er als Kind gewesen sein. Und so konnte er verschwinden und plötzlich wieder auftauchen, saß am Tisch, als sei nichts gewesen. Auf die Frage, wo er gesteckt habe, sagte er nur, unter dem Boden. Was ja nicht ganz falsch war. Sein Benehmen war sonderbar, aber die Mutter fragte nicht weiter, spionierte ihm auch nicht nach, erzählte dem Vater nichts.
Er war ein eher ängstliches Kind, sagte die Mutter.
Er log nicht. Er war anständig. Und vor allem, er war tapfer, sagte der Vater, schon als Kind. Der tapfere Junge. So wurde er beschrieben, auch von entfernten Verwandten. Es waren wörtliche Festlegungen, und sie werden es auch für ihn gewesen sein. 

Die Eintragungen in seinem Tagebuch beginnen im Frühjahr 1943, am 14. Februar, und enden am 6.8.43, sechs Wochen vor seiner Verwundung, zehn Wochen vor seinem Tod. Kein Tag ist ausgelassen. Dann, plötzlich, brechen sie ab. Warum? Was ist am 7.8. passiert? Danach gibt es nur noch eine undatierte Eintragung, aber davon soll später die Rede sein. 

Feb. 14.
Jede Stunde warten wir auf Einsatz. Ab ½ 10 Alarmbereitschaft.
Feb. 15.
Gefahr vorüber. Warten. 

So geht es weiter, Tag für Tag. Dann heißt es mal wieder warten, dann der alte Trott oder Appelle steigen

Feb. 25.
Wir gehen zum Angriff auf eine Höhe. Der Russe zieht sich zurück. Nachts Rollbahnbeschuß.
Feb. 26.
Feuertaufe. Russe wird in Stärke von 1 Battalion zurückgeschlagen. Nachts in Stellung ohne Winterkleidung am MG.
Feb. 27.
Gelände wird durchkämmt. Viel Beute! dann geht es wieder weiter vor.
Feb. 28.
1 Tag Ruhe, große Läusejagd, weiter nach Onelda

Es war eine dieser Stellen, an denen ich früher innehielt, beim Weiterlesen zögerte. Könnte mit Läusejagd nicht auch etwas ganz anderes gemeint sein, nicht einfach das Entlausen der Uniform? Andererseits würde dann nicht dastehen 1 Tag Ruhe. Aber dann dieses: Viel Beute!
Was verbirgt sich dahinter? Waffen? Warum dieses Ausrufezeichen, das sich sonst selten in seinen Notizen findet? 

März 14.
Flieger. Iwans greifen an. Mein überschweres Beute Fahr-MG schießt wie toll ich kann die Spritze kaum halten, paar Treffer
März 15.
Wir gehen auf Charkow vor kleine reste der Russen.
März 16.
In Charkow
März 17.
ruhiger Tag
März 18.
unaufhörliche Bombenangriffe der Russen 1 Bombe in unser Quartier 3 Verw. Mein Fahr-MG schießt nicht ich nehme mein MG 42 und knalle drauf 400 Schuß Dauerfeuer 

So geht es weiter, kleine Eintragungen, mit Bleistift, in einer unregelmäßigen Schrift, vielleicht auf einem Lastwagen geschrieben, in der Unterkunft, vor dem neuen Einsatz, Tag für Tag: Waffenmusterung, Regen und Matsch, Ausbildung MG Scharfschießen, Exzerzieren Flammenwerfer 42. 

März 21.
Donez
Brückkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG. 

Das war die Stelle, bei der ich, stieß ich früher darauf - sie sprang mir oben links auf der Seite regelrecht ins Auge -, nicht weiterlas, sondern das Heft wegschloß. Und erst mit dem Entschluß, über den Bruder, also auch über mich, zu schreiben, das Erinnern zuzulassen, war ich befreit, dem dort Festgeschriebenen nachzugehen. 

Ein Fressen für mein MG: ein russischer Soldat, vielleicht in seinem Alter. Ein junger Mann, der sich eben die Zigarette angezündet hatte - der erste Zug, das Ausatmen, dieses Genießen des Rauchs, der von der brennenden Zigarette aufsteigt, vor dem nächsten Zug. An was wird er gedacht haben? An den Tee, etwas Brot, an die Freundin, die Mutter, den Vater? Ein sich zerfaserndes Rauchwölkchen, in dieser von Feuchtigkeit getränkten Landschaft, Schneereste, Schmelzwasser hatte sich im Schützengraben gesammelt, das zarte Grün an den Weiden. An was wird er gedacht haben, der Russe, der Iwan, in dem Moment? Ein Fressen für mein MG

Er war ein Kind, das lange gekränkelt hatte. Unerklärlich hohes Fieber. Scharlach. Ein Foto zeigt ihn im Bett, das verwuschelte blonde Haar. Die Mutter erzählt, daß er trotz Schmerzen so erstaunlich gefaßt war, ein geduldiges Kind. Ein Kind, das viel mit dem Vater zusammen war. Die Fotos zeigen den Vater mit dem Jungen, auf dem Schoß, auf dem Motorrad, im Auto. Die Schwester, die zwei Jahre älter war als der Bruder, steht unbeachtet daneben.
Seine Kosenamen, die er als Kind sich selbst gegeben hatte: Daddum, Kurdelbumbum. 

Von mir, dem Nachkömmling, glaubte er Vater, ich sei zu viel unter Frauen. In einem Brief, den mein Vater, der damals bei der Luftwaffe diente und in Frankfurt an der Oder stationiert war, an meinen Bruder in Rußland geschrieben hat, steht der Satz: Uwe ist ein ganz netter kleiner Pimpf, aber etwas verzogen, na, wenn wir erst wieder im Hause sind, dann wird es schon wieder -. 

Ich war das, was man damals ein Muttersöhnchen nannte. Ich mochte den Duft der Frauen, diesen Geruch nach Seife und Parfum, ich mochte und suchte - eine frühe Empfindung - die Weichheit der Brüste und der Schenkel. Während er, der große Bruder, schon als kleiner Junge immer am Vater hing. Und dann gab es noch die Schwester, zwei Jahre älter als der Bruder, 18 Jahre älter als ich, die vom Vater wenig Aufmerksamkeit und kaum Zuwendung erfuhr, so daß sie etwas Sprödes, Brummiges bekam, was der Vater wiederum als muffig bezeichnete und was sie ihm nur abermals fernrückte.
Der Karl-Heinz, der große Junge, warum ausgerechnet der. Und dann schwieg er, und man sah ihm das an, den Verlust und die Überlegung, wen er wohl lieber an dessen Stelle vermißt hätte. 
Der Bruder, das war der Junge, der nicht log, der immer aufrecht war, der nicht weinte, der tapfer war, der gehorchte. Das Vorbild. 

Der Bruder und ich. 

Über den Bruder schreiben heißt, auch über ihn schreiben, den Vater. Die Ähnlichkeit zu ihm, meine, ist zu erkennen über die Ähnlichkeit, meine, zum Bruder. Sich ihnen schreibend anzunähern, ist er Versuch, das bloß Behaltene in Erinnerung aufzulösen, sich neu zu finden. 

Beide begleiten mich auf Reisen. Wenn ich an Grenzen komme und Einreiseformulare ausfüllen muß, trage ich sie mit ein, den Vater, den Bruder, als Teil meines Namens, in Blockschrift schreibe ich in die vorgeschriebenen Kästchen: Uwe Hans Heinz.
Es war der dringliche Wunsch des Bruders, mein Pate zu sein, mir seinen Namen als zusätzlichen Namen zu geben, und der Vater wünschte, ich solle als Zweitnamen seinen Namen tragen: Hans. Wenigstens mit dem Namen weiterzuleben, im anderen, denn 1940 war schon deutlich, daß der Krieg nicht so schnell ein Ende finden würde und der Tod an Wahrscheinlichkeit gewann. 

Auf die Frage, warum der Bruder sich zur SS gemeldet habe, gab die Mutter einige naheliegende Erklärungen. Aus Idealismus. Er wollte nicht zurückstehen. Sich nicht drücken. Sie, wie auch der Vater, machte einen genauen Unterschied zwischen der SS und der Waffen-SS. Inzwischen, nach Kriegsende, nachdem die grauenvollen Bilder, die bei der Befreiung der KZ gemachten Filme, gezeigt worden waren, wußte man, was passiert war. Die Mistbande, hieß es, die Verbrecher. Der Junge war aber bei der Waffen-SS. Die SS war eine normale Kampftruppe. Die Verbrecher waren die anderen, der SD. Die Einsatzgruppen. Vor allem die oben, die Führung. Der Idealismus des Jungen mißbraucht.
Erst ein Pimpf, dann bei der Hitlerjugend. Fanfarenmärsche, Kampfspiele, Singen, Fangschnüre. Es gab Kinder, die ihre Eltern denunzierten. Dabei hat er, der Bruder, im Gegensatz zu dir, nie mit Soldaten spielen mögen.
Ich war dagegen, sagte sie, daß sich der Karl-Heinz zur SS meldet.
Und der Vater? 

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch

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